Was gegen Lebensmittelverschwendung zu tun ist

Was gegen Lebensmittelverschwendung zu tun ist

  • Bundesregierung will gegen Lebensmittelverschwendung vorgehen
  • Geplante "Nationale Strategie" vorgelegt
  • WDR-Autor Valentin Thurn sieht Vorgehen skeptisch

Jeder von uns wirft im Schnitt pro Jahr ungefähr 55 Kilo Lebensmittel weg. Dabei wäre vieles noch genießbar. Die Bundesregierung will die Vergeudung verhindern.

Ernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) legte dafür am Mittwoch (20.02.2019) eine "Nationale Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung" vor.

Thurn: "Ein Armutszeugnis"

Die Pläne von Klöckner betrachtet WDR-Autor Valentin Thurn kritisch. Er hat sich unter anderem in seinem preisgekrönten Dokumentarfilm "Taste the Waste" (2011) mit dem Thema auseinandergesetzt.

WDR: Die Bundesregierung will bis 2030 die Lebensmittelabfälle halbieren. Dafür sollen Unternehmen, Länder und Wissenschaft konkrete Maßnahmen erarbeiten. Was halten Sie von diesem Vorgehen?

Valentin Thurn: Dass das Ernährungsministerium nicht in der Lage ist, selbst eine Strategie vorzulegen, ist ein Armutszeugnis. Jetzt sollen die Unternehmen in Dialogforen eine Strategie erarbeiten.

Normalerweise setzen sich Ministeriumsvertreter mit Vertretern von Unternehmensverbänden zusammen – was auch geschehen ist - und entwickeln dann selbst eine Strategie und sagen: 'So, das ist unser Vorschlag'. Doch in diesem Fall soll die Wirtschaft es selber richten.

WDR: Die Bundesregierung setzt bei der Umsetzung der Maßnahmen auf Freiwilligkeit. Reicht das aus?

Valentin Thurn blickt in die Kamera

WDR-Autor Valentin Thurn

Thurn: Keineswegs. Es wäre sinnvoll, mit harter Regulierung der Wirtschaft einen Rahmen zu setzen. Zum Beispiel: die Müllgebühren verteuern oder diejenigen belohnen, die sich um den sparsamen Verbrauch von Lebensmitteln verdient machen.

Freiwillige Vereinbarungen funktionieren nur, wenn eine Verpflichtung damit verbunden ist. Hier aber wird es den Unternehmen überlassen, welche Ziele sie sich selber setzen.

WDR: In Frankreich und Tschechien sind Supermärkte verpflichtet, unverkaufte Lebensmittel an Wohltätigkeitsorganisationen zu spenden. Ist das auch ein Modell für Deutschland?

Thurn: Unbedingt! Das wird übrigens auch in Belgien, Italien und Finnland praktiziert. Es löst das Problem zwar nur teilweise, weil es nur bei den Supermärkten ansetzt. Aber es wäre sinnvoll.

Genauso sinnvoll wäre es, der Landwirtschaft und der Lebensmittelindustrie zu sagen, was sie mit ihren Überschüssen machen müssen. Beim Verbraucher muss man bereits in der Schule auf Verhaltensänderungen drängen.

WDR: Die Bundesregierung sagt, dass der Großteil der Verschwendung, nämlich 61 Prozent, von den Verbrauchern verursacht wird.

Thurn: Diese Zahl ist eine Frechheit. Sie wird seit Jahren vom Ernährungsministerium verbreitet. 2010 bin ich mit dem Film "Frisch auf den Müll" zum ersten Mal in die Öffentlichkeit gegangen. Kurz darauf hat das Ministerium eine Studie in Auftrag gegeben, in der nicht berücksichtigt werden sollte, wie viele Lebensmittel in der Landwirtschaft weggeschmissen werden.

Wenn man aber einen riesen Bereich weglässt, kann man nicht eine Prozentzahl daraus ableiten! Das dient dazu, dem Verbraucher den Schwarzen Peter zuzuschieben. In allen Nachbarländern, in denen solche Studien gemacht wurden, liegt der Verbraucheranteil bei gut 40 Prozent. Das ändert die Optik: Das Meiste wird weggeworfen, bevor es uns Verbraucher erreicht.

Das Interview führte Dominik Reinle.

Stand: 20.02.2019, 12:32

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