Frust im Flutgebiet: Gefährdet Laschets Krisenmanagement seine Kanzlerschaft?

Frust im Flutgebiet: Gefährdet Laschets Krisenmanagement seine Kanzlerschaft?

Von Beate Becker, Katrin Römer

Ministerpräsident und Unions-Kanzlerkanditat Armin Laschet besuchte am Montag Hochwasser-Gebiete im Land. Und stieß auf frustrierte Anwohner. Dabei braucht er endlich Bilder, die ihn als Krisenmanager zeigen, denn sein Wahlkampf kommt bislang nicht in Fahrt.

Offiziell möchte NRW-Ministerpräsident Laschet (CDU) bei seinem Besuch einen Überblick darüber bekommen, wie es mit den Aufräumarbeiten weiter geht; möchte zusammen mit den Betroffenen Vorschläge diskutieren, wie am schnellsten geholfen werden kann. Vor allem aber will er Pluspunkte sammeln.

Sinkende Umfragewerte nach der Flutkatastrophe

Denn es ist zwar nur eine Momentaufnahme, aber die aktuellen Umfragewerte schrecken manchen in der Union auf: Laschet fällt in der Kanzlerfrage klar hinter dem SPD-Kandidaten Olaf Scholz zurück. Nicht mal jeder Fünfte würde sich aktuell für den CDU-Mann entscheiden.

Tobias Blasius, Journalist und Laschet-Biograf glaubt, Laschet habe nach der Flutkatastrophe bislang nicht richtig in seine Rolle gefunden. Ihm fehle das Kraftvolle, Autoritäre eines Machers. "Die Bilder vom Lachen beim Besuch des Bundespräsidenten haben ihm sehr geschadet und das ist ganz schwer wieder abzuschütteln", sagt Blasius.

Anwohner werfen Laschet Versagen vor

Bei seinem Besuch in Swisttal-Odendorf wird Armin Laschet von Anwohnern bedrängt. Verzweifelte Menschen löchern ihn mit Fragen und konfrontieren ihn mit Vorwürfen. Ein Mann beklagt, er habe bislang keine Hilfe gesehen, weder von der Landesregierung noch von der örtlichen Verwaltung. Eine Frau erzählt ihm: "Bei mir liegen die Nerven blank." Sie sei evakuiert worden, chronisch krank und habe große Sorgen gehabt, ob sie ihre Medikamente bekommt. "Ich könnte fast wieder heulen." Auch sei die Warnung vor der Flut zu spät gekommen. Laschet hört zu, zeigt Mitgefühl: "Ich verstehe Sie!", betont er. Doch die Lage sei schwierig gewesen, die Kommunikation teilweise zusammengebrochen.

Wahlkämpfer oder Kümmerer

Doch das kommt nicht bei allen Bürgern gut an. "Für Sie ist das nur Wahlkampf", wirft ihm ein junger Mann hinter einer Maske vor.  Das will Laschet nicht so stehen lassen. "Die Leute wollen Hilfe und das ist mein Job. Das hat mit Wahlkampf null Komma null zu tun", entgegnet er. Und führt an, dass sich andere Bürger zuvor bei ihm bedankt hätten für die Container, in denen nach den Ferien der Schulunterricht beginnen könne.

Schwieriger Besuch für Laschet im Krisengebiet

WDR 5 Westblick - aktuell 02.08.2021 04:20 Min. Verfügbar bis 02.08.2022 WDR 5


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Keine anderen Themen in Sicht

Journalist Tobias Blasius im Hochwasser-Gebiet

Doch so richtig zieht das Argument bei den Betroffenen nicht. Und Laschet-Biograf Tobias Blasius bilanziert: "Die Flut wie die Coronakrise haben seinem Ruf eher geschadet". Laschet müsste ein eigenes Thema setzen, doch das sei bislang nicht in Sicht. Dabei gibt es wichtige Themen: Digitalisierung, Bildung, Wirtschaft, Europa. Doch acht Wochen vor der Bundestagswahl dominiert neben Corona, die Flutkatastrophe und mit ihr der Klimawandel die Lage.

Glaubwürdigkeit beim Kampf gegen den Klimawandel

Und auch hier hagelt es Kritik. Umweltschützer halten Laschets Klimapolitik in NRW für zu zaghaft. Auch weil er in einem Interview mit der Aktuellen Stunde auf die Frage nach Änderungen in seiner Klimapolitik nach der Hochwasser-Katastrophe antwortete: "Entschuldigung, weil jetzt so ein Tag ist, ändert man nicht die Politik."

Besserwisser in den eigenen Reihen

Collage: Markus Söder und Armin Laschet

Zudem sieht sich Armin Laschet auch mit Störfeuern aus den eigenen Reihen konfrontiert. Aus Bayern pusht Markus Söder (CSU), im Sommerinterview des ZDF: "Wir brauchen jetzt mehr Tempo und Power." Er sieht sich als Antreiber, will etwa auch den Kohleausstieg vorziehen. Laschet will das nicht. Kristina Dunz, Politikjournalistin beim Redaktionsnetzwerk Deutschland, glaubt, das schade Armin Laschet zusätzlich. "Es schwingt immer so ein bisschen mit: Na, wäre Söder doch vielleicht der bessere Kanzlerkandidat gewesen?" So müsse Laschet nicht nur um die Wählerschaft kämpfen, sondern auch um die Akzeptanz in den eigenen Reihen.

Geld für den Wiederaufbau

Hochwasser-gebiet: Armin Laschet in Swisttal

Immerhin gelingen ihm heute kurze Auftritte als Krisenmanager. Er skizziert sein Ziel, wie der Wiederaufbau in der Region schnell und unbürokratisch gelingen kann: Mit einem Fonds, der ähnlich wie nach der Flut in Ostdeutschland als Bundesgesetz verankert werden soll. "Damit ist verlässlich für alle, die jetzt auf Geld warten, gesichert, dass dieses Geld auch kommt", versichert er. Innerhalb von fünf Wochen könne das geschehen. Der Termin der Bundestagswahl liegt drei Wochen später. Laschet hofft auf die Chance, mit dem Hochwasser am Ende doch noch Boden gutzumachen.

Besuch von Schulen und Firmen

Das gilt auch am Nachmittag in der Eifel. Der Ministerpräsident besucht gemeinsam mit zuständigen Kommunalpolitikern Schulen und Firmen, die von den Fluten zerstört worden sind. Darunter zum Beispiel den kleinen Ort Schleiden-Malsbenden, der von der Flut vor fast drei Wochen besonders hart getroffen worden ist. Ein großes Problem hier: die riesigen Müllberge. Sie müssen schnellstens entsorgt und verbrannt werden. Es besteht sonst die Gefahr, dass das Grundwasser verschmutzt wird. Laschet sagt, betroffene Kommunen sollen weiter Hilfe bei der Beseitigung von Müll und Schlamm bekommen. Auch das könnte mit dem Geld aus dem Fonds finanziert werden. Bisher wird der Hochwasser-Müll aus der Eifel auf einer Freifläche zwischengelagert.

Angela Merkel und Armin Laschet besuchen Bad Münstereifel WDR aktuell 20.07.2021 23:48 Min. Verfügbar bis 20.07.2022 WDR

Sondersitzung des Landtags geplant

Am kommenden Montag will Laschet über die Situation in den Katstrophengebieten in einer Sondersitzung des NRW-Landtags beraten.

Bei dem Jahrhundert-Unwetter vor gut zweieinhalb Wochen gab es allein in Nordrhein-Westfalen 47 Tote. Hinzu kamen enorme Sachschäden.

Stand: 02.08.2021, 20:11

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