Schweine stehen an einem Futtertrog

Selbstversorger NRW - produzieren wir genug Nahrungsmittel?

Stand: 22.03.2022, 07:25 Uhr

Wenn globale Krisen Lieferketten unterbrechen, leiden die Ärmsten immer am meisten. Bei der Verknappung von Lebensmitteln drohen gar Hungersnöte. In NRW leidet maximal die Angebotsvielfalt.

Redet man über den Wirtschaftsstandort, denken viele erstmal an Industriezentren wie etwa das Ruhrgebiet. Vergessen wird dabei oft, dass die Landwirtschaft in NRW eine große Rolle spielt. Mit Blick auf die Ernährung muss man trotz des Krieges in der Ukraine bei tierischen Produkten sowie Brot, Zucker oder Getreide keine Engpässe fürchten, so ein Sprecher des Landwirtschaftsministeriums am Montag auf WDR-Anfrage.

Keine Engpässe in Deutschland zu befürchten

Man sei quasi Selbstversorger. Der Anteil der landwirtschaftlich genutzten Fläche im Industrieland NRW betrug 2020 knapp 44 Prozent. Beackert wurde diese Fläche von rund 120.000 Arbeitskräften in mehr als 30.000 Betrieben.

Wenn Krisen wie die in der Ukraine und die im Zuge dieses Krieges verhängten Sanktionen gegen Russland etwa zu Verknappungen beim Weizen führen, sind Länder wie Deutschland nur indirekt über steigende Preise betroffen. Gravierenden Engpässe in der Versorgung müssen sie nicht fürchten.

Agrarkrise: "Sehr düstere Aussichten"

WDR 5 Morgenecho - Interview 22.03.2022 07:19 Min. Verfügbar bis 21.03.2023 WDR 5


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EU berät über Bewirtschaftung von Brachflächen

Die Ukraine gilt als die "Kornkammer Europas", muss aber nicht die EU versorgen, weil diese selbst Überversorger sei, so Agrarreferent Ralf Bilke vom BUND NRW. Betroffen von den drohenden Engpässen sind vor allem ärmere und zum Teil deutlich instabilere Länder als die Demokratien Europas, wenn die diesjährige Aussaat und damit die Ernte in der Ukraine deutlich kleiner ausfällt.

Trotzdem haben die EU-Landwirtschaftsminister am Montag in Brüssel beraten, ob die vorübergehende Bewirtschaftung von Brachflächen der Lebensmittelproduktion helfen könne, und Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) hat für Deutschland bereits angekündigt hat, dass Landwirte auf ökologischen Vorrangflächen Futterpflanzen anbauen können. Laut Bilke der falsche Weg.

BUND: Zu viel Weizen in den Futtertrögen

"Jetzt werden in der Krise hektisch Entscheidungen getroffen", so Bilke. Der Agrarexperte sieht das Problem ganz woanders. Pi mal Daumen gehe die Hälfte des in Deutschland und der EU angebauten Getreides in die Futtertröge der Viehwirtschaft, und genau da müsse man ansetzen - nicht bei Brachflächen. Diese sollten die Artenvielfalt und den Klimaschutz stärken, was existenzielle Grundlage für die Landwirtschaft sei.

"Es wird nichts besser, wenn wir sagen, wir machen weniger Ökolandbau oder weniger Brachflächen. Das Ganze ist ein Verteilungsproblem, kein Erzeugungsproblem. Es gehört einfach deutlich mehr Weizen auf den Tisch der Menschen und weniger in die Futtertröge", sagt Bilke. Für ihn gibt es nur eine logische Konsequenz: "Esst weniger Fleisch."

NRW hinkt beim Biolandbau hinterher

Mehr Ökolandbau fordert der BUND indes nicht erst seit dem Krieg in der Ukraine. Die jetzige Krise könne man aber durchaus zum Anlass nehmen, das Ruder herumzureißen. Dass im öffentlichen Diskurs trotzdem keiner das bestehende System infragestellt, mache ihn "fassungslos".

Eigentlich sei wie im Energiebereich klar, dass man eben nicht weitermachen könne wie bisher. Bilkes Ansicht nach müsse man vorhandene Ressourcen "intelligenter" nutzen, und im Rahmen einer solchen Nutzung gehöre weniger Weizen in den Futtertrog. Zudem stehe NRW beim Biolandbau mit einem Anteil von 6,7 Prozent im Bundesvergleich sehr schlecht da. EU-weit liege das Ziel bis 2030 bei einem Anteil von 25 Prozent. Den Weg dorthin könne man jetzt forcieren.

Kriegsfolgen für die Landwirtschaft in NRW

Westpol 20.03.2022 06:08 Min. UT DGS Verfügbar bis 20.03.2023 WDR

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