Zentrale Figur der Clankriminalität nach Razzia festgenommen

Clankriminalität: Razzien in NRW Aktuelle Stunde 08.06.2021 UT Verfügbar bis 15.06.2021 WDR Von Sebastian Auer

Zentrale Figur der Clankriminalität nach Razzia festgenommen

Mit einem Großeinsatz in mehreren NRW-Städten hat die Polizei Wohnobjekte durchsucht und Haftbefehle vollstreckt. Beschlagnahmt wurden Vermögenswerte von rund 790.000 Euro und Sachwerte von mehr als 600.000 Euro.

Bei Ermittlungen gegen kriminelle Familienclans durchsuchten am Dienstag Spezialkräfte der Polizei über 30 Objekte in Nordrhein-Westfalen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Düsseldorf und des Landeskriminalamts waren rund 600 Beamte im Rheinland, Bergischen Land, am Niederrhein und im Ruhrgebiet im Einsatz. Am längsten dauerte der Einsatz in Leverkusen, wo eine Villa beschlagnahmt wurde.

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) erklärte, in zwei Verfahren der Staatsanwaltschaften in Düsseldorf und Duisburg würden Objekte durchsucht, darunter Häuser, Wohnungen und Geschäftsräume in Leverkusen, Duisburg und Düsseldorf. Es geht um den Verdacht des bandenmäßigen Betrugs, des Sozialhilfebetrugs und der Geldwäsche. "Das ist heute ein Schlag gegen die erste Liga der Clankriminalität", so Reul.

Insgesamt sind nach Angaben der Einsatzleiterin Heike Schultz Vermögenswerte von rund 790.000 Euro sichergestellt worden, vier Haftbefehle wurden vollstreckt und rund 335.000 Euro Bargeld gefunden. So entdeckten die Ermittler bei dem SEK-Zugriff in Duisburg in dem gemieteten Fahrzeug (S-Klasse) des Haupttatverdächtigen unter der Fußmatte im Fond 14.300 Euro.

Auch Sachwerte beschlagnahmt

Neben den Vermögenswerten wurden auch Sachwerte in Höhe von mehr als 600.000 Euro beschlagnahmt - darunter Waffen, Fahrzeuge, Computer und Schmuck.

Panzerfahrzeug vor Villa in Leverkusen

Polizeiauto in einer Straße in Leverkusen bei einer Razzia

Polizisten durchsuchen die Villa einer libanesischen Familie

In Leverkusen durchsuchte die Polizei die Villa eines mutmaßlichen Anführers eines libanesischen Familien-Clans. Spezial-Einsatzkräfte rammten mit einem Panzerfahrzeug das Stahltor der Villa und sprengten die Tür des Hauses, um sich Zutritt zu verschaffen.

Festgenommen wurden ein 46-jähriger Familienvater, dessen 42-jährige libanesische Ehefrau und zwei 24 und 28 Jahre alte deutsch-libanesische Söhne. Dem 46-Jährigen werden Geldwäsche und Sozialhilfebetrug vorgeworfen. Er und seine Familie sollen Sozialhilfe beziehen, obwohl sie laut Polizei offenbar über viel Geld verfügen. Allein in dem Objekt in Leverkusen wurden laut Polizeiangaben 290.000 Euro Bargeld sichergestellt.

Zentrale Figur im Familienclan

Der 46-Jährige aus Leverkusen steht laut LKA im Verdacht, die zentrale Figur des Familienclans zu sein, der bereits mehrfach im Fokus der Ermittler war. Ihm wird vorgeworfen, als sogenannter Schlichter aktiv gewesen zu sein. In einer "Paralleljustiz" würden dabei Streitigkeiten geklärt, Urteile gefällt, Sanktionen verhangen und für deren Einhaltung gesorgt, erläuterte Einsatzleiterin Schultz. Gegen mehrere Mitglieder der Familie bestehe der Verdacht auf Körperverletzungsdelikten.

Vom Mai 2015 bis heute soll die Familie zu Unrecht 400.000 Euro Sozialleistungen vom Jobcenter Leverkusen erhalten haben. Thomas Jungbluth vom LKA betonte, "die Papierlage ist extrem sauber", es sei sehr schwer gewesen für das Jobcenter, den Betrug zu entdecken. Gehaltsnachweise seien durch die Clan-Mitglieder gefälscht worden.

Ermittler: Verdacht der "Geldwäsche in Reinkultur"

Durch Investitionen in Immobilien und Gewerbe wie Barber Shops, Autohandel oder medizinische Produkte soll die Familie versucht haben, Geld zu waschen. Die Umstände der Finanzierung der Immobilie sprächen für "Geldwäsche in Reinkultur", so Jungbluth. Auch 19 Blanko-Nachweise von Coronatests, die bereits unterschrieben und gestempelt waren, seien sichergestellt worden.

Die Familie wohnte in dem Anwesen in Leverkusen, dessen Wert auf eine Million Euro geschätzt wird. Diese Immobilie wird nun beschlagnahmt und damit der Vermögenswert gesichert. Damit werde der Familie "ihr Zuhause genommen", sagte Innenminister Reul.

Polizistin Heike Schultz im Interview

WDR Studios NRW 09.06.2021 03:48 Min. Verfügbar bis 16.06.2021 WDR Online


Mehr Straftaten registriert

Kriminelle Familienclans waren in den vergangenen Jahren stärker in den Fokus der NRW-Polizei geraten: Im Jahr 2019 waren laut NRW-Innenministerium rund 6.100 Straftaten von 111 türkisch-arabischen Clans verzeichnet worden. Im Vorjahr waren es nur rund 4.600 Delikte von 104 Clans gewesen. Der regionale Schwerpunkt der Clan-Aktivitäten liege im Ruhrgebiet, hieß es.

Starke Kontrollen im Milieu

Innenminister Herbert Reul (CDU) hatte die kriminelle Energie und die Organisation der Clans mit der italienischen Mafia verglichen. Durch stärkere Kontrollen der Treffpunkte und Rückzugsorte wird der Druck auf die Szene in NRW seit längerer Zeit erhöht. Unter anderem gibt es häufige Razzien in Shisha-Bars, die von Clanmitgliedern betrieben oder kontrolliert werden.

Nach der Razzia sagte Reul, die "Politik der 1.000 Nadelstiche" gegen die Clankriminalität habe sich ausgezahlt, es sei den Ermittlern gelungen "die DNA der Kriminellen" zu entschlüsseln. Reul nannte den Einsatz salopp "ein Riesending" und meinte: "Wenn das nicht zeigt, wie durchsetzungsstark und handlungsstark der Staat ist, dann weiß ich es auch nicht mehr."

Stand: 09.06.2021, 16:18

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