Wenn der Sommerurlaub in einer Zwangsehe endet

Wenn der Sommerurlaub in einer Zwangsehe endet

Von Nina Magoley

Viele Migrantenfamilien planen ihre Sommerferien bei den Verwandten. Für manche junge Frau ende der Urlaub aber in einer Zwangsheirat, fürchtet Gleichstellungsministerin Scharrenbach.

"Sommer, Sonne, Zwangsheirat"- der Slogan, mit dem NRW-Gleichstellungsministerin Ina Scharrenbach (CDU) ihre Aufklärungskampagne EXIT startet, soll es kurz und bündig auf den Punkt bringen: "Viele junge Frauen und Männer freuen sich in diesen Tagen auf Sommer und Sonne. Bei einigen endet der Urlaub allerdings in einer Zwangsehe", erläuterte Scharrenbach am Dienstag. Der Urlaub ende dann in einer "Albtraumhochzeit mit unabsehbaren Folgen". Lebens- und Zukunftsplanungen würden zunichte gemacht.

Zwar registrierte die Polizeistatistik in NRW im vergangenen Jahr lediglich 26 Fälle von Zwangsverheiratung, die strafrechtlich erfasst wurden. Bei den Beratungsstellen aber gingen jedes Jahr weitaus mehr Nachfragen ein, daher sei von einem deutlich größeren Dunkelfeld auszugehen, so Scharrenbach. Am häufigsten trete das Problem hierzulande in Familien aus Syrien, der Türkei und dem Irak auf.

Scharrenbach: Risiko steige in den Sommerferien

Wenn eine junge Frau oder - seltener - auch ein junger Mann von der Familie zur Heirat gezwungen wird, sei das "zutiefst menschenverachtend" und eine strafbare Menschenrechtsverletzung. Gerade in den bevorstehenden Sommerferien steige das Risiko, sagte Scharrenbach, daher starte das Ministerium die Kampagne jetzt. In insgesamt 23 NRW-Städten - darunter Düsseldorf, Duisburg, Bochum, Dortmund, Bonn und Aachen - sollen Plakate in Bussen und Bahnen zu sehen sein. Außerdem werde dort auf fast 1.000 Monitoren ein Kampagnenspot laufen.

In der Fachberatungsstelle gegen Zwangsheirat in Bielefeld beobachte man im Jahr rund 200 Fälle von Zwangsheirat, sagt Leiterin Silvia Krenzel. 90 Prozent der Betroffenen, die sich in der Beratungsstelle melden, seien junge Frauen, die befürchten, bald von ihrer Familie gegen ihren Willen verheiratet zu werden. Nur etwa ein Drittel schaffe diesen Schritt aus eigener Kraft. Meist seien es Menschen aus dem Umfeld - die Schulsozialarbeiterin, eine besorgte Tante oder eine Freundin - die Kontakt aufnehmen.

Kampagne gegen Zwangsheiraten gestartet

WDR 5 Westblick - aktuell 15.06.2021 05:06 Min. Verfügbar bis 15.06.2022 WDR 5


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Kaum Kontaktmöglichkeiten wegen Corona

Genau das aber fiel im vergangenen Pandemiejahr weitgehend aus: Jugendzentren und Schulen waren lange geschlossen - Orte, wo Mädchen oder Jungen, denen eine Zwangsverheiratung droht, in ihrer Not bemerkt werden. Bei der Kölner Beratungsstelle Agisra beobachtet man im Moment einen Anstieg der Zahlen: Allein in diesem Jahr gab es bereits 35 Hilfesuchende, während es im vergangenen Jahr insgesamt 56 waren, sagt Mitarbeiterin Adriane Mehmetaj-Bassfeld. Sie ist besorgt: "Im letzten Jahr war es für viele Betroffene schwer, überhaupt Kontakt zu uns aufzunehmen."

Strenger Vater, falscher Freund

Zwangsehe

Den passenden Bräutigam finden

Sehr häufig stünden patriarchalische Familienstrukturen oder zumindest ein strenger Vater im Hintergrund. Psychologin Silvia Krenzel schildert eine typische Situation: Eine 18-Jährige meldet sich in der Beratungsstelle. Sie ist verzweifelt - ihre heimliche Liebesbeziehung zu einem Jungen ist gerade aufgeflogen. In der Familie herrscht jetzt Alarmstimmung. Das Mädchen darf das Haus nicht mehr alleine verlassen, wird ständig kontrolliert, möglicherweise von der Familie beschimpft oder geschlagen. Möglichst schnell soll jetzt ein passender Bräutigam für sie gefunden werden.

Das Mädchen ist voller Angst, berichtet von Panikattacken und Schlafstörungen. Und: "Sehr oft empfinden die jungen Frauen auch eine große Schuld", sagt Krenzel, "dafür, dass sie so viel Stress in die Familie gebracht haben".

Die Beratungsstelle versuche dann als erstes eine "Gefährdungsanalyse": Wie realistisch ist die Gefahr eine Zwangsverheiratung? Gab es das in der Familie schon? Wie lässt sich solch ein Verlauf jetzt verhindern? "Wenn es gelingt, ins Gespräch mit der Familie zu kommen, erleben wir dort nicht selten Überraschung oder Betroffenheit", sagt Krenzel. "Oft ist den Eltern nicht so bewusst, wie sehr die Tochter leidet."

Bruch mit der Familie

Wenn eine Zwangsverheiratung aber konkret droht - ob im Ausland oder hierzulande - kann die Beratungsstelle helfen, die betroffene Frau in Schutz zu nehmen: In einem Frauenhaus, einer anonymen Unterkunft, im Extremfall mit neuer Identität. "Für viele Betroffene ist das aber ein sehr schwerer oder unvorstellbarer Schritt, denn er bedeutet meist den Bruch mit der Familie", sagt Krenzel. Oft müssten die Beraterinnen dann zusehen, wie sich die junge Frau am Ende doch in ihr Schicksal fügt. "Manchmal ist der letzte Kontakt noch im Auto zum Flughafen, wo das Mädchen noch hofft, dass der Flug abgesagt wird oder ein anderes Wunder geschieht."

In den wenigsten Fällen wissen sie in Bielefeld, was aus den Frauen und Männern geworden ist. "Manchmal halten wir noch online Kontakt, aber meistens hören wir nichts mehr."

Es sind aber nicht nur Mädchen oder junge Frauen, die von Zwangsverheiratung bedroht sind. Etwa zehn Prozent der Hilfesuchenden sind junge Männer, die, beispielsweise weil sie homosexuell sind, "sanktioniert" werden sollen, sagt Mehmetaj-Bassfeld vom Kölner Verein Agisra.

Beratung auch anonym und in anderen Sprachen

Das Mädchenhaus Bielefeld und auch das Agisra-Projekt "Selbst-bestimmte Zukunft – gegen Gewalt im Namen der Ehre" werden vom Land in diesem Jahr mit rund 275.700 Euro gefördert. Hilfesuchende Frauen und Männer können sich telefonisch, persönlich oder per geschützter Online-Beratung dort hinwenden. Beratung gibt es auch anonym und in deutscher, englischer, türkischer, kurdischer, arabischer, französischer und albanischer Sprache.

Außerdem ist die Plattform EXIT beim Gleichstellungsministerium unter der Nummer 08000 116 016 rund um die Uhr erreichbar. Hier werden Online-Beratungen und hilfreiche Kontakte vermittelt.

Zwangsehe in Deutschland 06:59 Min. Verfügbar bis 11.01.2023

Stand: 15.06.2021, 14:36