"Bedauern ja, aber keine Entschuldigung" - Clement wird 80

Der ehemalige Bundesminisiter und NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement kurz vor seinem 80. Geburtstag

"Bedauern ja, aber keine Entschuldigung" - Clement wird 80

Von Jürgen Zurheide

  • Ex-NRW-Ministerpräsident Clement wird 80
  • Von 1998 bis 2002 Nachfolger Johannes Raus
  • Danach Superminister unter Gerhard Schröder

Er war gefragt worden, ob er sich am Ende nicht vielleicht entschuldigen wolle. "Entschuldigen", fragt er zurück, "ich drücke mein Bedauern aus, dass es zu solchen Gefühlen gekommen ist, aber das ist keine Entschuldigung". Nein, Wolfgang Clement beendet seine 38 Jahre währende Mitgliedschaft bei der SPD mit diesen Worten und zieht selbst die Konsequenzen, bevor man ihm den Stuhl vor die Tür setzt.

Raus Kronprinz ohne Parteilinie

Er hatte zuvor die hessische Spitzenkandidatin Ypsilanti mitten im Wahlkampf mächtig kritisiert, weil sie schon damals gegen Kernkraft und Kohlekraftwerke zu Felde zog, was einer wie Wolfgang Clement bis heute für falsch hält. Seither pocht er darauf, ein Sozialdemokrat ohne Parteibuch zu sein.

Wolfgang Clement wird vereidigt als Ministerpräsident des Landes NRW

Kronprinz am Ziel: Clement wird Rau-Nachfolger

Auf dieses Buch kam es ihm ohnehin nur begrenzt an, Rücksicht auf die Befindlichkeiten der Genossinnen und Genossen hat er nur selten genommen. Für ihn hieß sozialdemokratisch vor allem Aufstieg durch Leistung, er war kein Kümmerer mit Stallgeruch. Er beerbte seinen Förderer Johannes Rau 1998 und wurde Ministerpräsident – der Macher Clement brach mit vielem, was zum sogenannten "Bruder Johannes" und dessen Motto "Versöhnen statt Spalten" passte.

Treiber von Agenda-Politik und Hartz-Gesetzen

Er wirbelte das Land durch, startete viele Reformen und leistete sich unzählige Konflikte mit den Grünen – meistens ging es um Flughäfen oder Kraftwerke. Clement argumentierte stets wirtschaftsnah und betrieb klassische Industriepolitik; gelegentlich mit der Brechstange und einem lauten "Basta".

Er wird – fast folgerichtig – 2002 "Superminister" für Wirtschaft und Arbeit im Kabinett von Gerhard Schröder. Der weiß, dass nur einer wie Clement die schwierigen Hartz-Reformen durchsetzen kann. Er muss zwar am Ende fünf Millionen Arbeitslose rechtfertigen, aber Clement wäre nicht Clement, wenn er angesichts dieser Lage nicht in die Offensive gehen würde: "Die fünf Millionen Arbeitslose sind fünf Millionen Gründe für die Reform", poltert er zurück, wenn ihn die Opposition für seine Politik attackiert.

Wahlempfehlung für den FDP-"Leichtmatrosen"

Wolfgang Clement zeigt auf der Expo 2000 Jugendlichen den Mittelfinger

Wolfgang Clement konnte stets deutlich

Die Ernte fährt Angela Merkel nach der Wahlniederlage Schröders 2005 ein, Schröder und Clement sind Geschichte. Clement hält die Reformen der sogenannten "Agenda 2010" bis heute für richtig, anders als Schröder bleibt er auch bei seinem kategorischen Nein zum Mindestlohn.

Aufstieg durch Leistung und Bildung ist und bleibt sein Credo, damit rückt der Sozialdemokrat ohne Parteibuch nahe an die FDP, er ruft zur Bundestagswahl 2009 sogar zur Wahl von Guido Westerwelle auf, den er zuvor noch als "Leichtmatrosen" verspottetet hatte.

Corona verhindert Feier in der Toskana

Sein Wort ist außerhalb der Politik auch ohne Parteibuch und Ministeramt weiterhin gefragt, er hält gut bezahlte Vorträge, schreibt Kolumnen – natürlich für das "Handelsblatt" – und blickt ansonsten zufrieden zurück. "Ja", gibt der gelernte Journalist zu: "Ich hatte auch Glück und wohlmeinende Förderer". Ansonsten bleibt er eisern, so wie er zu sich selbst immer gewesen ist: "Nichts wird rechts und links mich kränken, folg ich kühn dem raschen Pflug. Wollte jemand anders denken, ist der Weg ja breit genug – das heißt: Ich habe nicht die Absicht, mich zu ändern".

Wolfgang Clement wird 80 - Bilder einer Polit-Laufbahn

Von Martin Teigeler

Er ist Ex-Sozialdemokrat, Ex-Ministerpräsident und Ex-"Bundessuperminister". Der gebürtige Bochumer wird am Dienstag 80 Jahre alt. Stationen einer politischen Karriere.

Wolfgang Clement am 26. Januar 1981

Wolfgang Clement, geboren am 7. Juli 1940 in Bochum, ist ein Kind des Ruhrgebiets. Er tritt 1970 in die SPD ein. Der Journalist wird 1981 Sprecher der Bundes-SPD in Bonn.

Wolfgang Clement, geboren am 7. Juli 1940 in Bochum, ist ein Kind des Ruhrgebiets. Er tritt 1970 in die SPD ein. Der Journalist wird 1981 Sprecher der Bundes-SPD in Bonn.

NRW-Ministerpräsident Johannes Rau (SPD) holt Clement 1989 nach Düsseldorf. Er wird Chef der Staatskanzlei, später Landesminister. Bis heute weniger bekannt: Für die SPD-Länder im Bundesrat handelt Clement mit Wolfgang Schäuble (CDU) politische Kompromisse bei der Vereinigung 1990 aus.

1998 tritt Clement die Nachfolge von Rau an, der wenig später Bundespräsident wird. Moderner und dynamischer will er das Land regieren. Inhaltlich stehen beide für sozialdemokratische Industriepolitik in Zeiten des Strukturwandels.

Schon als Wirtschaftsminister gerät Clement oft mit den Grünen - hier die langjährige Umweltministerin Bärbel Höhn - aneinander, die seine industriefreundliche Politik teilweise offen bekämpfen. Vor allem das Thema Braunkohle sorgt für Dauerstreit. Zwischendurch liebäugelt Ministerpräsident Clement sogar mit einem Koalitionswechsel zur FDP. An der SPD-Basis macht er sich damit wenig Freunde.

Clements manchmal aufbrausende Art sorgt für Diskussionen - wie sein berühmter Stinkefinger gegenüber Jugendlichen auf der Expo 2000. "Ich komme halt aus dem Ruhrgebiet und habe wohl eine recht direkte Art", sagt er einmal über sich.

2002 ist Clements Zeit in NRW vorbei. Kanzler Gerhard Schröder (SPD) holt ihn als Bundeswirtschafts- und Arbeitsminister nach Berlin. Mit Clements Namen ist und bleibt bis heute die auch innerparteilich heftig umstrittene Arbeitsmarktreform Hartz IV verbunden. 2005 wird Rot-Grün in Bund und Land abgewählt.

2008. Ex-Bundesinnenminister Otto Schily begleitet Ex-Kabinettskollege Clement in die SPD-Landesparteizentrale in Düsseldorf. Grund: Ein Parteiordnungsverfahren gegen Clement. Unmittelbar vor der Landtagswahl in Hessen hatte er vor den energiepolitischen Plänen der SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti gewarnt und indirekt von deren Wahl abgeraten.

Vorangetrieben hatte das Verfahren ausgerechnet ein SPD-Ortsverein aus seiner Heimatstadt Bochum. Und die Landesschiedskommission der NRW-SPD stimmt für einen Parteiausschluss Clements. Ein Beschluss, der auch die damalige SPD-Landeschefin Hannelore Kraft kalt erwischt. Obwohl die Bundespartei das Urteil in eine Rüge abmildert, erklärt Clement seinen Parteiaustritt.

Auch im Alter bleibt der Familienvater und mehrfache Großvater ein politischer Mensch - etwa als wirtschaftsnaher Publizist. Mehrere Aufsichtsratsmandate in Unternehmen nimmt er an. Zuhause ist Wolfgang Clement in Bonn.

Eigentlich hätte der Familienmensch Wolfgang Clement seinen Geburtstag mit der Ehefrau, den fünf Kindern samt deren Partnern und den 13 Enkelkindern in der Toskana feiern wollen, aber Corona hat das verhindert. Dass ihn das groß stört, lässt er sich jedoch nicht anmerken, jetzt trifft man sich heute bei Clements zu Hause in Bonn.

Stand: 07.07.2020, 01:00

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