Ermittlungen gegen Kinderpsychiater Winterhoff

Vorwürfe gegen Kinderpsychiater: Fehler im System? Westpol 12.09.2021 UT DGS Verfügbar bis 12.09.2022 WDR

Ermittlungen gegen Kinderpsychiater Winterhoff

Von Nicole Rosenbach, Per Quast und Marc Steinhäuser

Nach einer ARD-Dokumentation sind Strafanzeigen bei der Bonner Staatsanwaltschaft gegen den Kinderpsychiater Michael Winterhoff eingegangen. Diese ermittelt jetzt. Erzieherinnen berichteten dem WDR, dass Dreijährige schwere Medikamente bekamen.

Conny Nietzschmann kann es kaum ertragen, die Kinderbilder von damals anzuschauen. Vor zehn Jahren hat sie in einer Notaufnahmestelle als Pädagogin gearbeitet. Sie betreute Kinder ab dem Säuglingsalter, die vom Jugendamt in Obhut genommen wurden. Jedes neue Kind, das aufgenommen wurde, habe "innerhalb kürzester Zeit" Pipamperon bekommen, ein Neuroleptikum. Die Kleinkinder seien müde gewesen. "Ein Vierjähriger, der dann noch Mittagsschlaf gebraucht hat, hat nachts stark geschwitzt. Man hat schon Nebenwirkungen gemerkt."

Andere Experten warnen vor dauerhaftem Medikamenten-Einsatz

Psychopharmaka für Drei- und Vierjährige: Ihre damalige Einrichtungsleitung arbeitet seit vielen Jahren mit dem Kinderpsychiater Michael Winterhoff eng zusammen. Dem WDR liegen Medikamentenpläne aus der Einrichtung vor.

Dr. Michael Winterhoff

Der Bonner Kinderpsychiater Michael Winterhoff

Auf seiner Homepage schreibt Michael Winterhoff, dass er das Medikament nur in Einzelfällen mit spezieller Indikation verordnet. Die Gabe solle Kinder in die Lage versetzen, ihre Aggressionen zu kontrollieren und im Konflikt erreichbar zu sein. Zu einer Sedierung solle es aufgrund der Dosierung nicht kommen.

Dabei warnen andere Fachleute, wie zum Beispiel der Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort, vor dem dauerhaftem Einsatz von Pipamperon. Es sediere und habe "keine Indikation für eine Langzeitbehandlung."

Eine WDR/ARD-Dokumentation hatte im August berichtet über den von Winterhoff häufig diagnostizierten "frühkindlichen Narzissmus" und die langjährige Verschreibung des Neuroleptikums Pipamperon. Mit schwerwiegenden Nebenwirkungen für Kinder und Jugendliche.

Bonner Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Winterhoff

Inzwischen sind bei der Bonner Staatsanwaltschaft mehrere Strafanzeigen gegen Winterhoff eingegangen. Die Staatsanwälte haben ein Ermittlungsverfahren gegen den Kinderpsychiater eingeleitet. Ihm werden unter anderem Körperverletzungsdelikte und Abrechnungsbetrug vorgeworfen. Winterhoff bestritt Vorwürfe bislang gegenüber dem WDR.

Der Kinderpsychiater behandelt nicht nur in seiner Bonner Praxis. Er ist auch für Hunderte von Kindern in Einrichtungen zuständig, kooperiert mit mehr als 20 Heimen. Im WDR-Magazin Westpol schildern nun anonym mehrere Erzieherinnen einer Einrichtung in Unkel, wie sie die Behörden warnten - schon vor zehn Jahren. Sie machten sogar einen persönlichen Termin beim Landesjugendamt Rheinland-Pfalz.

"So kann man nicht mit Kindern umgehen"

Eine Erzieherin erzählt dem WDR, sie habe "die Missstände, die in meinem Haus waren, aber auch im Haupthaus mit anderen ehemaligen Kolleginnen vorgetragen. Um zu sagen: so kann man nicht mit Kindern umgehen." Eine weitere Erzieherin beschreibt ihren Eindruck, dass man sich damals im Amt zurückgelehnt habe.

Das Landesjugendamt Mainz teilt dem WDR mit, man sei den Vorwürfen nachgegangen und habe die Einrichtung damals besucht. Es konnte keine akute Kindeswohlgefährdung festgestellt werden. Man habe keinerlei Kompetenz, ärztliche Dienstleistungen zu kontrollieren.

In Nordrhein-Westfalen vertritt das Landesjugendamt Rheinland eine deutlichere Position. Die Zusammenarbeit mit Michael Winterhoff wurde für die eigene Einrichtung vor Jahren beendet. Amtsleiter Lorenz Bahr sagt, sein Amt sei 2014 "weder mit der Art der Behandlung noch mit der Medikation einverstanden gewesen." So habe man zusammen mit den Jugendämtern und Eltern diese Zusammenarbeit beendet.

Doch andere kooperierten weiter mit Michael Winterhoff - bundesweit. Offenbar kontrolliert niemand in der Jugendhilfe einen Arzt. Daher liefen die Meldungen der Erzieherinnen aus der Einrichtung in Unkel ins Leere. Die Einrichtungsleiterin weist indes Vorwürfe zurück. Bei der Prüfung ihrer Einrichtung sei keine Kindeswohlgefährdung festgestellt worden. Michael Winterhoff äußert sich auf unsere Nachfrage nicht zur Behandlung von Kleinkindern mit Pipamperon. Er schreibt, es erfolge eine regelmäßige Überprüfung, ob die medikamentöse Behandlung noch notwendig sei.

Vorwürfe gegen Kinderpsychiater: Fehler im System?

WDR 5 Westblick - aktuell 13.09.2021 04:41 Min. Verfügbar bis 13.09.2022 WDR 5


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Dr. Dennis Maelzer MdL

Dennis Maelzer, familienpolitischer Sprecher der SPD

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Stand: 16.09.2021, 15:59