Windkraftausbau braucht neuen Schwung

Windkraftausbau braucht neuen Schwung

Von Nina Magoley

  • Bau von Windkraftanlagen stockt - auch in NRW
  • Windkraftbranche stellt neue Zahlen vor
  • Industrieunternehmen brauchen künftig dringend Ökostrom

Die Energiewende ist längst politisch beschlossen - doch bei der Umsetzung hapert es immer deutlicher. Neue Zahlen, die die Windenergiebranche am Dienstag (28.01.2020) in Berlin vorlegte, zeigen, dass der Ausbau der Windenergie derzeit fast zum Erliegen gekommen ist.

Nur noch 325 Windenergieanlagen an Land wurden im vergangenen Jahr bundesweit neu gebaut, 45 davon in NRW. Insgesamt waren das nur noch halb so viele wie im Jahr davor.

Einen "dramatischen Einbruch" nannte Hermann Albers, Chef des Bundesverbands Windenergie, das, denn es sei weniger als ein Viertel des benötigten Ökostroms, um die vereinbarten Klimaziele zu erreichen. Besonders alarmiert ist die Branche offenbar auch dadurch, dass die Bundesregierung bei allen Planungen von einem künftig sinkenden Stromverbrauch ausgeht.

Diverse Verbände und Forscher dagegen gingen von steigendem Bedarf aus, auch in der Industrie, so Albers. Allein die Wasserstoffbranche rechne mit einem deutlich steigenden Strombedarf. Dass die Bundesregierung dennoch mit zu geringen Mengen kalkuliere, sei ein "systematischer und politischer Fehler."

Droht die "Ökostromlücke"?

Auch Matthias Zelinger vom Verband VDMA Power Systems warnte vor einer verhängnisvollen "Ökostromlücke." Maschinenbauunternehmen stünden vor dem Problem, Kunden und Banken gegenüber künftig eine saubere CO2-Bilanz vorweisen zu können - ohne ausreichend Ökostrom unmöglich. Viele Betriebe bringe das in massive Wettbewerbsschwierigkeiten.

Auch das NRW-Energieministerium gehe von einem steigenden Strombedarf aus, versichert ein Sprecher. Dafür sorgten allein schon zukunftsweisende Entwicklungen wie die zunehmende Elektromobilität oder Wärmespeichersysteme, die viel Strom benötigen.

Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) versucht zudem seit geraumer Zeit, NRW für Wasserstofftechnologien attraktiv zu machen.

Durchgerechnet: So viele Windräder wären nötig

Konventionelle Atom-, Kohle und Erdgaskraftwerke bringen viel Strom. Moderne Windkraftanlagen könnten sie ersetzen - theoretisch. Das zeigt unser Rechenexempel.

Grafik: Ein Windrad erzeugt im Jahr 8000 Megawattstunden (MWh).

Vorweg: Natürlich laufen Windräder nicht ständig. Mal produzieren sie viel Strom, mal stehen sie wegen einer Flaute still. Fest steht aber: Eine moderne Windenergie-Anlage an Land, die auf dem neuesten technischen Stand ist, erzeugt rund 8.000 Megawattstunden (oder 8 Gigawattstunden) Strom im Jahr.

Vorweg: Natürlich laufen Windräder nicht ständig. Mal produzieren sie viel Strom, mal stehen sie wegen einer Flaute still. Fest steht aber: Eine moderne Windenergie-Anlage an Land, die auf dem neuesten technischen Stand ist, erzeugt rund 8.000 Megawattstunden (oder 8 Gigawattstunden) Strom im Jahr.

Das reicht, um rund 2.200 Drei-Personen-Haushalte ein Jahr lang mit Strom zu versorgen. Laut Statistik verbraucht ein solcher Haushalt im Durchschnitt 3,6 Megawattstunden pro Jahr.

Aber die großen konventionellen Kraftwerke sind natürlich wesentlich leistungsstärker. Beispiel Erdgas: Eine Anlage wie die "Fortuna" in Düsseldorf, die 2016 in Betrieb ging, liefert im Jahr 2.400 Gigawattstunden Strom, wenn sie im Durchschnitt zu 50 Prozent ausgelastet ist - was typisch für Erdgaskraftwerke ist. Um diese Menge rein rechnerisch zu ersetzen, müssten 300 Onshore-Windenergieanlagen gebaut werden.

Beispiel Kohle: Ein großer Steinkohlekraftwerksblock wie der neue Block "Datteln 4" produziert bei einer typischen Auslastung von 75 Prozent etwa 6.800 Gigawattstunden Strom im Jahr. Eine Menge, die auch von rund 850 modernen Windrädern an Land geliefert werden kann.

Beispiel Atom: Soll ein AKW ersetzt werden, das bei einer typischen 90-prozentigen Auslastung jährlich 10.600 Gigawattstunden Strom produziert, müssten rund 1.330 moderne Windenergieanlagen an Land gebaut werden.

Dass der Ausbau der Windkraft ins Stocken gerät, liege zum einen an den vielen Klagen von Bürgerinitiativen und Verbänden, aber vor allem auch an fehlenden Vorgaben der Bundesregierung. Der Sprecher verweist auf die vom Bund geplante Abstandsregelung von 1.000 Metern rund um Wohngebiete.

Dabei ist in NRW bereits seit Herbst 2019 sogar einen Mindestabstand von 1.500 Metern vorgeschrieben - aus Sicht von Kritikern eine Maßnahme gegen den Bau neuer Windräder.

Fehlende Akzeptanz bei Kommunen und Bürgern identifiziert auch der Bundesverband Windenergie als Hürde für den Windkraftausbau. Kommunen, so ein Vorschlag, könnten am Umsatz der Windenergie mit zwei Prozent beteiligt werden. Das Geld solle dann in sozialwirtschaftliche Projekte in der Gemeinde fließen.

Überzeugungsarbeit für Windkraft Markt 22.01.2020 06:35 Min. UT Verfügbar bis 22.01.2021 WDR Von Nico Rau, Ute Schyns

Stand: 28.01.2020, 13:22