Fleischindustrie: Das Warten auf Taten

Fleischarbeiter in einem Schlachthof

Fleischindustrie: Das Warten auf Taten

Von Sebastian Auer und Felix Mannheim

Das angekündigte Aus für Werkverträge und Leiharbeit in der Fleischindustrie lässt auf sich warten. Trotz Gesetz könnte es für viele in der Branche beim Alten bleiben.

"Wir werden nicht respektiert, wir werden angebrüllt, wir müssen arbeiten wie Roboter." Marius ist Leiharbeiter in einer Wurstfabrik im Kreis Gütersloh. Er sagt: Auch verletzt oder krank müssten er und seine Leiharbeitskollegen oft in den Betrieb – sonst drohe die Kündigung. Überstunden würden nicht abgerechnet, Arbeitszeitregeln ignoriert.

Der Rumäne schildert genau die Zustände, die NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) und die Bundesregierung im Sommer, nach den Corona-Fällen bei Tönnies und Westfleisch, anprangerten. Dennoch könnte Marius' Situation künftig genau so bleiben wie bisher.

Problem der "verarbeitenden Fleischindustrie"

Denn das Problem von Marius, der eigentlich anders heißt, ist: Er schlachtet nicht. Er produziert Salami. Und diesen Teil der Fleischbranche, die "verarbeitende Fleischindustrie", wollen Teile von CDU und CSU jetzt von den strengen Regeln ausnehmen. Im Bundestag ist die Lesung zum neuen Arbeitsschutzgesetz Ende Oktober von der Tagesordnung verschwunden.

In einem internen Schreiben, das dem WDR-Magazin Westpol vorliegt, freut sich der Branchenverband der Fleischwirtschaft darüber, dass die zahlreichen Gespräche des Verbandes mit Bundestagsabgeordneten "Wirkung gezeigt" hätten. Und dass nun Mitglieder der CDU/CSU-Fraktion verhindern wollten, dass Leiharbeiter in der gesamten Fleischindustrie verboten würden. Auf Anfrage bestätigt der Verband ein Gespräch mit einem Abgeordneten sowie die Teilnahme an einem Treffen des Parlamentskreises Mittelstand der Unions-Fraktion.

Razzien in der Fleischindustrie

WDR 5 Profit - aktuell 16.09.2020 06:43 Min. Verfügbar bis 16.09.2021 WDR 5


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Wann kommen die strengeren Regeln?

Damit steht wieder in Frage, wann und für wen tatsächlich strengere Regeln in der Fleischbranche kommen. Eigentlich schien klar: Ab Januar müssten dort alle Betriebe ihre Mitarbeiter fest anstellen – und besser behandeln. NRW-Arbeitsminister Laumann hatte das im Sommer mehrfach betont. Bis hin zu der Versicherung, er werde sich von Lobbyisten "nicht mehr auf dem Kopf rumtanzen lassen".

Doch auch Laumann ist nun bereit, verarbeitende Betriebe ein Stück weit von den schärferen Regeln auszunehmen. Betroffen davon wäre laut Gewerkschaften potenziell die Hälfte der etwa 65.000 Leih- und Werkvertragsarbeiter in der Fleischbranche.

Auftragsspitzen oder Sozialdumping?

Die Fleischwirtschaft argumentiert, dass gerade die Wursthersteller Leiharbeitskräfte bräuchten, um auf steigende Nachfrage etwa zur Grillsaison oder vor Feiertagen zu reagieren. Doch Szabolcs Sepsi vom DGB berichtet, dass in vielen Wurstfabriken 80 bis 90 Prozent der Belegschaft Leiharbeiter seien. Und zwar durchgehend. Sepsi sagt: "Da geht es nicht um Auftragsspitzen. Da geht es um Lohn- und Sozialdumping." Die Leiharbeiter in Wurstfabriken kämen aus denselben Subunternehmen wie Werkvertragsarbeiter in Schlachthöfen, wären oft in denselben Sammel-Unterkünften untergebracht – und würden genauso ausgenutzt.

SPD: Laumann knickt ein

Die SPD in NRW wirft auch Arbeitsminister Laumann vor, vor der Lobbyarbeit eingeknickt zu sein. Ihr arbeitsmarktpolitischer Sprecher Josef Neumann sagt: "Laumann scheint eine Position zu übernehmen, die er noch vor ein paar Wochen völlig abgelehnt hat." Der angegriffene Minister hält gegenüber Westpol dagegen. Er wolle "den Sumpf trocken legen". Aber wenn für strenge Regeln in Schlachthöfen nun ein Kompromiss in Wurstfabriken nötig sei, würde er den mitgehen.

Marius ist von der Politik enttäuscht – er hatte gehofft, dass sich auch für ihn und seine Kollegen in Wurstfabriken etwas ändert. Dass die Branche behauptet, ohne Leiharbeiter nicht genug Arbeitskräfte zu haben, findet er absurd. Denn: Er würde sich sofort fest anstellen lassen. "Aber wenn wir weiter so ausgenutzt werden, wie bisher – dann tun wir uns irgendwann zusammen. Und suchen uns eine andere Arbeit."

Außer Kontrolle: Coronaverstöße bei Tönnies Westpol 20.09.2020 UT DGS Verfügbar bis 20.09.2021 WDR

Stand: 22.11.2020, 11:00