Angestellte von Tönnies verarbeiten Fleisch am Fließband.

Spezialfall Tönnies? Behörden erlaubten laschere Regeln für infizierte Mitarbeiter

Stand: 20.02.2022, 14:22 Uhr

Eigentlich können sich Corona-Infizierte erst nach frühestens sieben Tagen freitesten. Doch ausgerechnet bei Tönnies soll es Ausnahmen gegeben haben - mit dem Wissen des NRW-Gesundheitsministeriums.

Von Sebastian Galle, Conor Körber und Bernd Neuhaus

Es ist Anfang Januar, Omikron ist mit voller Wucht in NRW angekommen. Infizierte müssen in strenge Isolation – können sich eigentlich frühestens nach sieben Tagen freitesten. Viele Gesundheitsämter stellen die Nachverfolgung von Infektionsketten ein, kommen kaum noch nach.

Und genau in dieser Zeit behandelte das Kreisgesundheitsamt Gütersloh Tönnies als "Spezialfall", wie interne Anweisungen zeigen, die dem WDR vorliegen. Demnach sollen Corona-Positiv getestete Mitarbeiter früher als üblich aus der Quarantäne entlassen worden sein.

Informant berichtet: Freitesten bei Tönnies nach zwei Tagen

Darüber berichtet ein Informant dem WDR-Magazin Westpol. Seine Informationen sind brisant, er ist Mitarbeitender im Kreisgesundheitsamt. "Es gab den Fall, dass jemand nach drei oder vier Tagen schon wieder aus der Quarantäne entlassen wurde, obwohl er einen ersten positiven PCR-Test hatte", schildert der Informant. Denn es sei nach wenigen Tagen ein Nachtest gemacht worden. "Wenn dieser geringere Viruslast, aber immer noch Virus-Positiv anzeigte, konnten wir diese Person wieder entlassen."

So soll es abgelaufen sein: Bei geimpften und symptomfreien Infizierten wurde innerhalb von 48 Stunden ein zweiter PCR-Test beim Amt bestellt. Diesen Test führte ein mobiles Team beim Mitarbeiter zuhause durch. War er negativ oder positiv mit einer weiterhin niedrigen Viruslast wurde der Tönnies-Mitarbeiter sofort aus der Quarantäne entlassen – also bereits nach zwei Tagen.

Freitesten nach zwei Tagen mit Hilfe der Behörden? Ein schwerwiegender Vorwurf. Die Kreisverwaltung in Gütersloh möchte dem WDR dazu kein Interview geben. Schriftlich dementiert man aber jegliche Sonderregelung für Tönnies. Eine „Sonderregelung Tönnies“ gebe es nicht - doch das Verfahren wird für Anfang Januar 2022 bestätigt. Das Gesundheitsamt prüfte "im Einzelfall, ob aufgrund des Ct-Wertes und fehlender Symptome eine Restpositivität ohne Ansteckungsverdacht vorliegen könnte", schreibt der Kreis. Allerdings nur um sicherzugehen, dass nicht Menschen, die schon einmal krank waren, fälschlich als infiziert erkannt würden.

Als Restpositiv bezeichnet man Menschen, die nach einer durchgemachten Corona-Infektion immer noch eine hohe Viruslast im Körper haben aber nicht mehr ansteckend sind. Auf bis zu 10 Prozent der Erkrankten trifft dieses Phänomen zu. "Wenn dies der Fall ist, wird zum Ausschluss einer frischen Infektion ein weiterer PCR-Test frühestens nach zwei Tagen durchgeführt und dann medizinisch entschieden, ob die Quarantäne aufgehoben werden kann", schreibt der Kreis Gütersloh.

Anweisungen des Gesundheitsamtes zum "Spezialfall Tönnies"

Doch der Mitarbeitende des Gesundheitsamts, der unerkannt bleiben möchte, schildert besondere Regeln - extra für Tönnies. "Eine Sonderregel in der Form gibt es für niemanden, außer für Tönnies. Es gab immer Mitarbeiter, die sich nur um die Tönnies-Fälle gekümmert haben. Das gab es bei vergleichbaren Unternehmen im Kreis Gütersloh sonst nirgends."

Dem WDR-Magazin Westpol liegen zudem Aussagen eines weiteren Mitarbeiters und Anweisungen aus dem Intranet des Kreisgesundheitsamts vor, in denen vom "Spezialfall Tönnies" gesprochen wird. Auch sieht man, dass praktisch alle Fälle von Tönnies eine hohe Priorität haben. "Also wenn diese Kriterien erfüllt waren durfte ich den einfach so entlassen und musste das nicht mit der Teamleitung oder einem Arzt absprechen, das war nicht nötig", schildert der Insider.

Das Gesundheitsamt dementiert: Ärzte seien eingebunden gewesen - und die Anweisungen seien lediglich ein Hinweis darauf, dass bei Tönnies Dolmetscher eingesetzt werden müssten. Gleichzeitig schreibt, das Amt, dass die Regelung für die gesamte Fleischindustrie galt. Der WDR fragt deshalb bei Westfleisch, einem der größten Wettbewerber von Tönnies, nach. Dort hat man von einer solchen Regelung noch nie gehört.

"Medizinisch fragwürdige" Methoden - mit dem Wissen des Landes

Ulf Dittmer, Direktor der Virologie am Uniklinikum Essen

Virologe Ulf Dittmer, Uniklinik Essen

Haben die Behörden also potenziell noch ansteckende Infizierte zurück ins Werk zu Tönnies geschickt? Experten halten das Vorgehen des Kreisgesundheitsamtes Gütersloh für medizinisch fragwürdig. "Mehrere Tage nach der Erstdiagnose ist man in der Regel infektiös. Deswegen gehen solche Menschen in Isolation, damit sie keine anderen Personen anstecken", sagt Professor Ulf Dittmer, Leiter der Virologie an der Uniklinik in Essen. Es sei nach zwei Tagen "zu früh", um Infizierte wieder arbeiten zu lassen.


Und es gibt weitere Ungereimtheiten: Auf die Frage, wie viele Mitarbeitende als sogenannte "Restpositive" frühzeitig aus der Quarantäne entlassen worden sind, antwortet das Gesundheitsamt: 9 Personen. Die Firma Tönnies spricht dagegen von 20 bis 30 Fällen.

Das Gesundheitsministerium des Landes gibt auf WDR-Nachfrage an, in die Vorgänge eingeweiht gewesen zu sein. "Im konkreten Fall war das Ministerium aufgrund der engmaschigen Zusammenarbeit mit dem Kreis bei der Überwachung der Firma Tönnies über das Vorgehen des Kreises informiert", heißt es.

Der WDR berichtete über dieses Thema u.a. am 18.02. in der Sendung Westblick auf WDR5 und am 20.02. im WDR Fernsehen in Westpol.