Ausbeutung im Lkw trotz Mindestlohn

Ausbeutung im Lkw trotz Mindestlohn

  • Lkw-Fahrer in NRW verdienen zwei Euro die Stunde
  • Fahrer verbringen Wochenenden im Lkw
  • Gewerkschaft spricht von Menschenhandel

"Wir haben keine Chance, unsere Wäsche zu waschen, können nicht duschen. Manchmal ist das Dixi-Klo voll." Bei den katastrophalen Zuständen, die der Lkw-Fahrer Ronaldo Satoc schildert, mag man spontan an ferne Länder denken. Doch Satoc steht mit seinem Lkw auf einem Betriebsgelände im sauerländischen Ense, mitten in NRW.

Stundenlohn von zwei Euro

Lkw-Fahrer auf dem Hof der NTG Logistics

Lkw-Fahrer haben in ihren Fahrzeugen gewohnt

Mehrere philippinische Lkw-Fahrer campen auf dem Gelände der Firma NTG Logistics teilweise seit Monaten, verbringen ihre Wochenend-Ruhezeiten im Lkw. Laut deren Arbeitsverträgen, die Westpol vorliegen, verdienen sie gerade einmal 428 Euro. Bei 200 Arbeitsstunden im Monat kommen sie somit auf zwei Euro pro Stunde.

Philippinen fahren für polnische Firma in NRW

Auftraggeber der Fahrer ist nicht NTG Logistics, sondern eine Firma in Dänemark. Das Unternehmen steht bereits im Fokus internationaler Ermittler. Der Vorwurf: Die Firma werbe seit Jahren über eine Tochterfirma in Polen Philippinen an.

Michael Wahl vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB)

Michael Wahl spricht von "Menschenhandel"

Die werden dann mit Arbeitspapieren für die gesamte EU ausgestattet und fahren zu Dumping-Löhnen, etwa für NTG Logistics. Möglich machen das Ausnahmen beim Mindestlohn. Denn der gilt nicht grundsätzlich für ausländische Fahrer.

"In Polen ist es relativ einfach, Arbeitserlaubnisse für Fahrer zu bekommen", erklärt Michael Wahl vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). "Unserer Meinung nach handelt es sich hier auch um Menschenhandel."

Ermittlung wegen Menschenhandels

Nach einer Razzia bei der dänischen Firma ermitteln die dortigen Behörden nun tatsächlich wegen Menschenhandels - allerdings in Dänemark.

Mindestlohn: Zoll kontrolliert Verstöße

WDR 2 | 11.09.2018 | 02:36 Min.

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Auch in Ense waren die Behörden vor Ort. Der Zoll sieht Verdachtsmomente, dass der Mindestlohn nicht gezahlt wird. Thomas Poggel von der Staatsanwaltschaft Arnsberg erklärt aber: "Der eher als sehr gering zu bezeichnende Lohn stand wohl nicht in deutlichem Missverhältnis zu den sonst in Osteuropa gezahlten Löhnen für Lkw-Fahrer, so dass keine Ausbeutung im Sinne von § 232 StGB vorliegt, wenn man zugrunde legt, dass sie für einen polnische Spedition fahren." Den Philippinen wurde freigestellt, weiter zu fahren.

Fahrerstreik in Ense

Doch viele Fahrer streiken mittlerweile. Sie seien so ausgelaugt, dass sie nicht mehr sicher fahren könnten, erkären sie. NTG Logistics will von alledem nichts gewusst haben. Das Unternehmen besitze nur die Anhänger, buche für jede Fahrt Dienstleister, die dann Lkw und Fahrer stellten.

Rüdiger Sänger, Geschäftsführer NTG Logistics

Rüdiger Sänger sieht wenig Kontrollmöglichkeiten

"Wenn wir die Versicherung haben, dass Mindestlohn gezahlt wird, ist unsere Aufgabe erfüllt", erklärt Geschäftsführer Rüdiger Sänger. Den Vertrag mit dem dänischen Unternehmen hat er dennoch zum nächstmöglichen Termin gekündigt.

Stand: 11.11.2018, 06:00