Westpol: Kaminöfen sind gefährliche Dreckschleudern

Frau sitzt in einem Sessel vor Kaminofen

Westpol: Kaminöfen sind gefährliche Dreckschleudern

  • Gefährliche Luftverschmutzung nicht nur durch Dieselmotoren
  • Noch viel gesundheitsschädlicher: Kaminöfen
  • Messungen erinnern an Dieselskandal

Knisternde Glut und der gemütliche Schein des flackernden Holzfeuers: Seit Wochen schon ist bei Hannelore Höfer aus Siegen der Kaminofen im Dauerbetrieb. Und nicht nur bei ihr: Fast zwölf Millionen solcher Öfen sind in Deutschland im Gebrauch, Tendenz steigend.

Dabei ist die natürliche Wärme alles andere als umweltfreundlich. Private Kaminöfen gelten im Winter neben Verkehr und Industrie als eine der Hauptursachen der Luftbelastung - und seien die schädlichste Form der Wärmeerzeugung, sagt das Landesumweltsamt LANUV.

Grafik zum Schadstoffausstoss

Feinstaubaufkommen in Deutschland 2017, Quelle: Umweltbundesamt

Noch schlimmer: Der Feinstaub aus Kaminöfen besteht aus winzigen Partikeln, die durch die Lunge ins Blut geraten. Dort können sie zu Asthma, Herzinfarkt, Schlaganfall oder Demenz führen, sagt der Leverkusener Lungenfacharzt Norbert Karl Mülleneisen. Das Problem: Bei Feinstaub-Messungen fallen diese Partikel wegen ihrer winzigen Größe buchstäblich durchs Raster.

Die Bundesregierung kennt die Gefahren durch Holzverfeuerung. Seit 2010 gelten strengere Grenzwerte. Laut Gesetz erhält der Käufer eines neuen Ofens eine Bescheinigung des Herstellers darüber, dass diese Grenzwerte eingehalten sind.

Messungen wie beim Dieselskandal

Feinstaubexperte Axel Friedrich hat solche zertifizierten Kamine für die Deutsche Umwelthilfe noch mal im Normalbetrieb nachgemessen. Ergebnis: Die Schadstoffwerte in den Abgasen waren bis zu 50 mal so hoch, wie in den Papieren bescheinigt.

Selbst Marcel Langner, Experte für Luftreinhaltung beim Umweltbundesamt, sieht das kritisch: Hier seien Werte einer "Quelle" gemessen worden, ohne zu testen, "wie sie sich im richtigen Leben verhält". Und er zieht einen interessanten Vergleich: "Das war beim Diesel so, und das ist letzten Endes bei solchen Öfen genauso."

"Die wollen nicht dran rühren"

Lungenfacharzt Dr. Norbert Karl Mülleneisen aus Leverkusen

Lungenfacharzt Mülleneisen

Auch Lungenfacharzt Mülleneisen ahnt, warum Feinststaub nicht richtig gemessen wird – und das nicht nur bei Kaminöfen: "Ich glaube, dass das politisch nicht gewünscht ist, weil dann die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird." Denn dann sei klar, dass man nicht nur mit groben Feinstäuben, sondern auch mit den kleinen Partikeln rechnen müsste. "Also rühren die auch gar nicht dran."

Abhilfe gäbe es durch Nachrüstung: Spezielle Feinstaubfilter binden die gefährlichen Kleinstpartikel zu Grobstaub. Doch sie kosten rund 1.000 Euro, die der Ofenbesitzer selber bezahlen muss. Das Bundesumweltministerium sieht auf Westpol-Nachfrage derzeit keinen Bedarf, solche Filter zwingend vorzuschreiben.

Kamine und Kaminöfen belasten Stadtluft

WDR 5 Leonardo Top Themen 24.11.2017 07:23 Min. WDR 5

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Redaktionelle Anmerkung: In einer früheren Version dieses Beitrags wurden Messungen des Technologie- und Forschungszentrums Straubing zitiert. Diese Messungen verwenden wir auf Wunsch der Forscher nicht mehr, da sie inzwischen an einem neuen Messverfahren arbeiten, das realistischere Messungen im Normalbetrieb ermöglichen soll.

Stand: 02.12.2018, 08:00