Warten auf den Impfstoff

Lange Warteschlangen vor Impfstellen, Hausärzte am Limit: Überall soll schnell und viel geimpft werden, doch ausgerechnet jetzt kommt der Impfstoff nicht an. Westpol-Recherchen zeigen: Das liegt auch an einer komplizierten Lieferkette.

Lange Warteschlangen vor einer Impfstelle - ein Bild das in dieser Woche in ganz Nordrhein-Westfalen zu finden ist. Auch beim Adventsimpfen in Nümbrecht stehen die Menschen in der Dezemberkälte an. Viele erzählen, dass sie hier sind, weil ihr Hausarzt erst im Januar oder Februar einen Termin frei gehabt hätte.

Drinnen impfen Ärztin Elisabeth Stöger und ihre Kollegen so schnell es geht. Sie hoffen, dass ihnen heute nicht wieder der Impfstoff ausgeht - so wie bei der Impfaktion am 20. November. Die Ärztin berichtet: "Der Ansturm war sehr groß. Da durfte ich knapp 100 Leute nach Hause schicken." 100 Leute - ohne Pieks im Arm. Der Grund: fehlender Impfstoff. Dabei hatte Elisabeth Stöger so viel bestellt wie immer. "Die Leute sind willig, die Arme sind bereit. Doch es ist kein Impfstoff da." Woran liegt das?

Die Impfnachfrage steigt aktuell stark an

Ein Grund ist die steigende Impfnachfrage: Am Mittwoch (01.12.2021) wurden deutschlandweit mehr als eine Million Menschen geimpft. Unter ihnen viele Auffrischimpfungen, aber auch die Zahl der Erstimpfungen steigt wieder.

Jens Spahn bei der Pressekonferenz zum Impfen | Bildquelle: ddp/Geisler/Frederic Kern

Die Politik hat das Ziel ausgegeben, bis Weihnachten 30 Millionen Spritzen zu setzen. Noch am Freitag versicherte der geschäftsführende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU): "Das Erreichen scheitert nicht am Impfstoff. Es ist für die Ziele genug Impfstoff da."

Auf Westpol-Anfrage konkretisiert das Bundesgesundheitsministerium (BMG) diese Aussage: "Nach derzeitigem Stand stehen diese Woche noch über 13 Millionen Impfdosen fürs Boostern bei Ärzten, Impfzentren und mobilen Teams zur Verfügung. Darüber hinaus stehen bis Jahresende noch 25 Millionen Impfdosen fürs Boostern zur Verfügung.”

Hausärzte: Bestellungen können nicht bedient werden

Doch ganz so einfach ist es nicht. In einem Praxisschreiben informierte die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) die niedergelassenen Ärzte Ende November, dass die Nachfrage nach Impfungen nicht bedient werden könne.

Andreas Gassen | Bildquelle: imago

Für Anfang Dezember hätten eine Rekordzahl von 100.000 Hausärzten 8,57 Millionen Impfdosen bestellt, darunter 4,65 Millionen Dosen von Biontech und rund vier Millionen des Herstellers Moderna. Etwa die Hälfte der Biontech-Bestellungen könnte jedoch nicht geliefert werden und auch bei Moderna komme es regional zu Kürzungen, heißt es in dem Schreiben. Der Vorstandsvorsitzende der KBV, Andreas Gassen, sagt: "Es ist einfach nur frustrierend und unverzeihlich, dass es immer noch zu wenig Impfstoff gibt."

Kontigentierung von Biontech-Impfstoff

Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) hatte kurz zuvor angekündigt, dass die Vakzine des Herstellers Biontech gedeckelt werden müssen. Ein Arzt kann pro Woche nur noch 30 Dosen bestellen. Ob er die vollständig erhält - dafür gibt es keine Garantie. Ärztin Stöger in Nümbrecht etwa bekommt aktuell nur noch 18 Dosen pro Woche.

Doch stattdessen auf Moderna umzuschwenken, ist für viele niedergelassene Hausärzte nicht so einfach möglich. Denn aus einer Phiole Moderna können 20 Impfdosen gezogen werden, die eine gute Stunde haltbar sind. Bei Biontech hingegen sind es nur sechs Impfdosen. Heißt: Die Ärzte müssen ihre Termine ganz anders planen und vergeben - und entsprechend viel Platz in ihren Wartezimmern schaffen.

Bei den großen Impfstellen ist das eher kein Problem. Doch hier die Impfstoff-Bestellungen auf mehr Moderna abzuändern, kostet Zeit.

Impfstofflieferung: Komplizierte Logistikkette

Das liegt auch an der langen und komplizierten Logistikkette. Westpol hat den Prozess der Impfstofflieferung nachverfolgt: Ärzte müssen ihre Bestellungen für den Corona-Impfstoff bis Dienstagmittag, 12 Uhr, bei ihren Apotheken abgeben. Die leiten die Anfragen ihren Großhändlern weiter. Diese wiederrum bestellen, über das Bundesgesundheitsministerium, beim Versorgungs- und Instandsetzungszentrum Sanitätsmaterial der Bundeswehr in Quakenbrück. Denn hier gehen die Lieferungen der Impfstoffhersteller ein.

Die Bundeswehr schnürt entsprechend der Bestellungen Impfstoffpakete und schickt sie über die Großhändler und Apotheken an die Ärzte zurück. Hier kommen sie dann montags - erst knapp eine Woche nach der Bestellung - an. Kurzfristige Nachbestellungen oder Änderungswünsche sind in der Zwischenzeit nicht möglich!

Dass Impfstoff nicht oder nicht vollständig ausgeliefert wird, liegt laut Bundesgesundheitsministerium (BMG) vor allem an den Ärzten selbst. "In den meisten Beschwerdefällen hat sich gezeigt, dass Bestellungen zu spät oder nicht korrekt aufgegeben wurden", schreibt das BMG auf Westpol-Anfrage.

Apotheker überrascht über Versorgungsprobleme

Der Kölner Apotheker Karsten Flau widerspricht. Jeden Dienstag sammelt er für die Dutzend Ärzte, die er beliefert, die Bestellungen pünktlich ein. Doch erst in der Woche darauf erfährt er, wieviel Impfstoff tatsächlich geliefert wird. Zu wenig ist es fast immer: "Ich bin schon überrascht, dass es jetzt zu dieser Mangelversorgung kommt, weil zum einen ja absehbar war, dass die Booster-Impfungen durchgeführt werden müssen und zum anderen das Infektionsgeschehen ja wieder aufflammen wird im Winter. Das kann nicht wirklich jemanden überrascht haben."

Nachgefragt: Könnten Apotheken impfen? WDR 5 Morgenecho - Interview 20.11.2021 05:00 Min. Verfügbar bis 20.11.2022 WDR 5

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Pharmazeutischer Großhandel statt Bundeswehr?

Auch andere Medikamente hat der Apotheker nicht immer auf Lager. Doch die kann er einfach binnen drei Stunden über den Großhandel bestellen. Der Arzt kann sie dann abholen oder sich liefern lassen. Dieses System wünschen sich die Apotheker und der Hausärzteverband auch für die Corona-Impfstoffe. Das bedeutet: die Corona-Impfstoffe sollen zur Lagerware beim pharmazeutischen Großhandel werden.

Apotheken haben zentrale Rolle bei der Impfstoffverteilung | Bildquelle: Uli Deck/dpa

"Der Großhandel müsste dann entsprechend die Corona-Impfstoffe auch vorrätig halten, wie andere Arzneimittel auch", sagt Apotheker Flau. "Und zwar in der Menge, wie hoch auch der Bedarf ist. Um auch kurzfristig die Ärzte so beliefern zu können, wie es der Nachfrage entsprechend gerade benötigt wird."

Das hieße: Der Umweg über das Bundeswehr-Verteilzentrum fiele weg, die Logistik würde einfacher. Was dagegen spricht? Diese Anwort bleibt das BMG schuldig.

Engpässe in den Kommunen

Thomas Hendele, CDU | Bildquelle: WDR/privat

Dafür erweitert sich der Kreis der Akteure noch um die Kommunen. Da viele Impfzentren geschlossen sind, bieten die Städte und Kreise nun kleine Impfstellen an, schicken mobile Impfteams durchs Land. Alleine in dieser Woche gab es knapp 800 Impfstellen. Bei der Eröffnung der neuen Impfstelle in Hilden ist Landrat Thomas Hendele (CDU) dabei. Er berichtet, dass der Kreis Mettmann aktuell 1500 Impfdosen pro Tag erhalte.

Damit hat der Kreis Glück. Denn immer mal wieder kommt es zu Engpässen bei einzelnen Städten und Kreisen. Das bestätigt das NRW-Gesundheitsministerium auf Westpol-Nachfrage.

Notfallreserve der Landesregierung

Die Landesregierung hat deshalb eine Notfallreserve für die Kommunen angelegt. Seit Mitte November wurden so zusätzlich 290.000 Impfdosen Biontech und 150.000 Impfdosen Moderna für die Kommunen organisiert. Damit stehen sie aktuell oft besser da als die Hausarztpraxen.

Außerdem sind die Bestellungen der Bundesländer an keinen Bestellrhythmus gebunden - wie die Ärzte. Ihre Bestellungen werden von der Bundeswehr in Quakenbrück in den Freiräumen gepackt.

Mehr Koordination von Bund gefordert

Doch wegen der angespannten Situation will Landrat Hendele aktuell lieber keinen Impfstoff an die Ärzte abgeben: "Dafür ist die Nachfrage zu groß. Wir hatten gestern einen Termin in der Stadt Hilden, da waren 700 Menschen. Und wie man sieht, ist auch hier die Anfrage sehr groß."

An die neue Bundesregierung richtet Landrat Hendele einen dringenden Appell: "Wir machen ja nicht am Jahresende hier Schluss, sondern wir richten uns darauf ein, dass wir das mehrere Monate weiter betreiben. Und dann muss der Nachschub, die entsprechenden Impfstoffe, da sein. Und man muss das Ganze auch koordinieren."