Problem Impfskeptiker – überzeugen oder zwingen?

Stand: 21.11.2021, 16:05 Uhr

Ab nächster Woche steht der Freizeitbereich nur noch für Geimpfte und Genesene offen. Druck soll Menschen dazu bringen, sich impfen zu lassen. Doch viele lassen sich nicht überzeugen. 

Von Sebastian Galle und Martina Koch

Notburga Henke ist 73 Jahre alt und hat schon viele Grippewellen erlebt. Corona macht ihr keine Angst - der Impfstoff dagegen schon. Sie lässt sich nicht impfen. Da bleibt sie konsequent. Henke ist Ratsfrau in Castrop-Rauxel. Um an Sitzungen teilzunehmen, muss sie jetzt einen negativen Corona-Test vorlegen. Darin sieht sie eine Einschränkung ihrer freien Mandatsausübung.

"Nach meinem Wissen gibt es keine Möglichkeit, in einem demokratischen Staat auf die Art und Weise Menschen den Zugang zu irgendwelchen Sitzungen zu verwehren, wenn sie gewählt sind", erzählt Henke dem WDR-Magazin Westpol. Die Fraktion der Grünen hat sie deshalb ausgeschlossen. Aber sie gibt nicht nach.

Für Ungeimpfte wird es schwieriger

"Dann bleibe ich eben wo ich bin – zu Hause." Notburga Henke schreckt auch ein möglicher Parteiausschluss nicht. Sie will vor Gericht klären lassen, ob die 3G-Regel den Zugang zu Ratssitzungen beschränken darf.

Henke will sich nicht unter Druck setzten lassen. Und damit steht sie nicht allein. Eine Umfrage im Auftrag des Bundesgesundheitsministerium unter mehr als 3 000 Ungeimpften hat im Oktober ergeben, dass zwei Drittel den Druck von außen für zu groß halten. Sie wollen nach eigenem Ermessen handeln.

Impfoffensive vor Ort erreicht einige

In Leverkusen-Opladen versucht die Stadt jetzt dort Impfangebote zu schaffen wo sich viele Menschen aufhalten. Die Stadt hat die dritthöchste Inzidenz in NRW. Die Malteser haben ein mobiles Impfzelt in der Aloysius-Kirche aufgebaut, nur wenige Meter vom Weihnachtsmarkt entfernt. Rund 190 Menschen lassen sich hier am vergangenen Donnerstag impfen. Für 120 von ihnen ist es die Auffrischung, für gerade mal 50 Menschen ist es das erste Mal.

Der 18-jährige Moritz Friesdorf ist noch nicht geimpft. Seine Begründung warum er heute hier ist: "Eigentlich nur weil ich auf den Weihnachtsmarkt will in meiner Stadt. Das ist der einzige Grund." Auf die Frage warum er sich nicht vorher hat impfen lassen gibt er an: "Gab keinen Grund dafür. Ich konnte alles so weiter machen wie vorher." Ein paar Meter weiter steht Jasmine in der Warteschlange. Die 32-Jährige wollte sich eigentlich gar nicht impfen lassen, doch weil überall jetzt 2G- und 3G-Regeln eingeführt werden sollen, hat sie sich nun doch zur Impfung entschlossen.

Immerhin - in Leverkusen gibt es Impfangebote. Der Kreis Viersen hat eine hohe Inzidenz und eine niedrige Impfquote. Doch gesonderte mobile Impfangebote gibt es bislang nicht. Der Kreis stecke noch in den Planungen, teilt der Sprecher des Kreises mit. Erst ab dem 29.11. soll es zusätzliche Angebote geben.

Politik hat zu wenig Impf-Anreize gesetzt

Die Politologin Elvira Rosert gehört zu den Wissenschaftlern, die schon Anfang des Jahres eine No-Covid-Strategie entwickelt hatten. Doch die Politik habe viel zu wenig Aufklärung betrieben und zu wenig Anreize geschaffen. Wer bislang ungeimpft ist, an den sei jetzt immer schwerer heranzukommen. Eine Impfpflicht halte sie nicht für ausgeschlossen.

"Man könnte auch überlegen, ob man tatsächlich mit einer Impfpflicht agiert und einfach sagt, wir haben große Bevölkerungsteile, die sich impfen lassen. Es scheint gesellschaftlicher Konsens zu sein, dass Impfen, das angemessene Verhalten ist, und wir machen das nochmal klarer, indem wir tatsächlich eine Impfpflicht einführen."

So weit will NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) noch nicht gehen. Aber die Impfpflicht jetzt für bestimmte Gesundheitsberufe mache den Schritt für die Ausdehnung auf weitere Berufsgruppen kleiner, so Laumann. Er sieht eine neue Dynamik in dieser Debatte.

Gefälschte Impfzertifikate nehmen zu

Oliver Huth vom Bund deutscher Kriminalbeamter (BDK) befürchtet, viele würden sich lieber gefälschte Impfzertifikate besorgen als sich impfen zu lassen. Schon jetzt floriere der Handel im Netz und in den sozialen Medien. Mit ein paar Klicks zeigt er uns wie schnell es geht sich einen gefälschten Impfausweis zu besorgen. Kostenpunkt: 250 Euro - pro Ausweis.

Nicht nur im Netz kursieren Fälschungen, auch Ärzte machen mit. Die Staatsanwaltschaft Köln bestätigt uns, eine Anzeige gegen einen Arzt/eine Ärztin sowie Anzeigen, die sich gegen Angebote von Impfnachweisen im Netz richten.

Kontrolle ist schwierig

Die Politik will schärfer kontrollieren und hat höhere Strafen bei Verstößen beschlossen. Damit werden jetzt auch Gastwirte, Ladenbesitzer, Budenbesitzer auf dem Weihnachtsmarkt oder Krankenhäuser in die Pflicht genommen. Sie sollen vor dem Zutritt die Impfausweise auf Echtheit überprüfen.

Ermittler Oliver Huth vom BDK NRW rät, nur noch elektronische Zertifikate mit QR-Code zu akzeptieren und diese mit der Covid-Check-App des RKI zu überprüfen. Er warnt: "Am Ende des Tages muss man sagen: Jeder, der mit einem Zertifikat unterwegs ist, beteiligt sich an der Körperverletzung mit Todesfolge, auch wenn man das mitunter nicht strafrechtlich verfolgen kann. Das muss man deutlich sagen."