Fall Amad A.: Fahrlässige Inhaftierung?

Neue Ungereimtheiten beim Fall Amad A. Westpol 17.11.2019 UT DGS Verfügbar bis 17.11.2020 WDR

Fall Amad A.: Fahrlässige Inhaftierung?

  • Neue Ungereimtheiten im Fall Amad A.
  • Eltern bezweifeln Aussagen der Polizei
  • Rechtsanwalt legt Beschwerde ein

Am 6. Juli 2018 wurde der Syrer Amad A. von der Polizei Geldern festgenommen. Beim Datenabgleich wurde er mit einem per Haftbefehl gesuchten Mann aus Mali verwechselt. Wie konnte das passieren? Hat die Polizei Fehler gemacht?

Trotz offener Fragen hat die Staatsanwaltschaft Kleve die Ermittlungen eingestellt. Denn laut Oberstaatsanwalt Günter Neifer kann der Straftatbestand der Freiheitsberaubung in Deutschland nur vorsätzlich begangen werden. Vorsatz konnte die Staatsanwaltschaft nicht feststellen und eine fahrlässige Freiheitsberaubung ist nicht strafbar.

Die Eltern von Amad A., mit denen das WDR-Magazin "Westpol" sprach, gehen dennoch davon aus, dass die Verwechslung nicht aus Versehen passierte, sondern dass die Polizei absichtlich handelte. Sie fordern Gerechtigkeit. Dies bringe seinen Sohn zwar nicht zurück, sagt der Vater von Amad A. Der Vorfall solle aber dazu führen, dass sich solche Ereignisse in Zukunft nicht wiederholten.

Anwalt kritisiert Staatsanwaltschaft

Die Eltern haben über ihren Anwalt Beschwerde gegen die Einstellung der Ermittlungen eingelegt. Die Staatsanwaltschaft erwecke den Eindruck, als wäre alles eine tragische Entwicklung gewesen, sagt Anwalt Eberhard Reinecke. Mit keinem Wort erwähne sie, wo Fehler gemacht worden seien.

Oberstaatsanwalt Günter Neifer

Oberstaatsanwalt Günter Neifer

Die Staatsanwaltschaft Kleve hatte gegen sechs Polizisten ermittelt. "Westpol" liegen die schriftlichen Aussagen der mit der Festnahme befassten Polizisten vor. Demnach hätten sie während der Personenfeststellung Amads A. im vergangenen Jahr auf der Wache von einem Fahndungstreffer aus Hamburg erfahren.

Später will sich kein Polizist daran erinnern, wer auf der Wache den Fahndungstreffer hatte. Sie schickten ein mehrseitiges Fax nach Hamburg, in dem verschiedene Personen aufgeführt sind. Bei einer Durchsicht des Faxes hätte dies den Polizisten leicht auffallen können.

Folgenschwere Verwechslung

Denn die Fahndung galt nicht Amad A., sondern einem anderen Mann aus Mali, der dunkelhäutig ist und andere Körpermaße hat. Die Daten wurden vermischt. Wenn sich einer der Beamten die Frage gestellt hätte, ob es sich wirklich um den per Haftbefehl gesuchten Mann handele, hätte Amad A. sofort entlassen werden müssen, sagt Anwalt Reinecke.

Kriminalwissenschaftler Thomas Feltes

Kriminalwissenschaftler Thomas Feltes

Der Kriminologe Thomas Feltes von der Universität Bochum hält das jetzige Verhalten der Polizisten für durchaus üblich. Wenn ein Verfahren nicht so gelaufen sei, wie es hätte sollen, könnten sich Polizisten häufig vor Gericht nicht mehr an Details erinnern, sagt Feltes. Auch Unterlagen seien dann häufig unvollständig. Man versuche Fehler zu vertuschen, weil man Konsequenzen befürchte.

Aufklärung ungewiss

Die strafrechtlichen Ermittlungen sind eingestellt. Aktuell gibt es ein Disziplinarverfahren gegen die Polizisten und einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Landtages.

Ob es dadurch Aufklärung gibt, auch zu der Frage, wie Amad A. in seiner Zelle verbrennen konnte, wird bezweifelt. Denn das Disziplinarverfahren haben Kollegen aus der gleichen Polizeibehörde übernommen.

Und im parlamentarischen Untersuchungsausschuss mussten die Polizisten bislang nichts sagen und können wegen des laufenden Disziplinarverfahrens nun weiter schweigen.

Westpol: Die Themen der Sendung am 17. November, 19.30 Uhr

Stand: 17.11.2019, 22:19