Wackelt jetzt der Kohlekompromiss?

22.06.2019, Jüchen: Die achtjährige Ida hält während einer Demonstration ein Plakat mit der Aufschrift «Cool kids save a hot planet».

Wackelt jetzt der Kohlekompromiss?

  • Aktivisten rütteln am Kohlekompromiss
  • Ausstieg schon 2030 möglich?
  • NRW-Politik und Wirtschaft treten auf die Bremse

Sie hat den Kohlekompromiss mit verhandelt und unterzeichnet: Antje Grothus saß für die betroffenen Anwohner in der Kohle-Kommission, die sich in langen Verhandlungen auf ein Ende der Kohleverstromung in Deutschland geeinigt hatte. 2038 soll damit Schluss sein - eigentlich.

Antje Grothus

Antje Grothus wohnt am Tagebau Hambach

Doch schon wenige Monate danach stellt nicht nur Grothus den selbst verhandelten Kompromiss infrage. "2038 wird nicht reichen, wenn wir unsere Klimaziele erreichen wollen", betont Grothus gegenüber dem WDR. "Der Tagebau muss zurückgefahren werden, deshalb brauchen wir eine neue Leitentscheidung."

"Fridays for Future" macht Druck

Auch Greenpeace, ebenfalls Mitglied der Kohle-Kommission, will deutlich früher raus aus der Kohleverstromung: "Aus Sicht der Wissenschaft ist 2030 das Enddatum für den Kohleausstieg", erklärt Greenpeace-Geschäftsführer Martin Kaiser.

Greenpeace, Grothus und andere Umweltschützer hatten bereits in einem Sondervotum zum Kohlekompromiss hinterlegt, dass aus Gründen des Klimaschutzes ein kompletter Ausstieg bis 2030 notwendig wäre. Und nun macht auch die Klimabewegung "Fridays for Future" Druck, zuletzt mit einer großen Demo im Tagebau Garzweiler.

Viele der Teilnehmer fühlen sich an den Kohlekompromiss nicht gebunden: "Das war kein Kompromiss, sondern eine Kapitulation. Und das ist nicht hinnehmbar", kritisiert etwa Leonard Ganz, Student aus Düsseldorf. Die Bewegung hat mittlerweile auch die Politik erreicht: "Sind wir ehrlich: Die deutschen Klimaziele sind bis 2030 nur zu erreichen, wenn wir den Kohleausstieg massiv beschleunigen", sagte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) dem "Münchner Merkur".

Betriebe sehen Arbeitsplätze bedroht

Heinz Höhner

Heinz Höhner sieht Arbeitsplätze bedroht

Heinz Höhner kann das alles nicht nachvollziehen. Er ist Betriebsratsvorsitzender eines Aluminium-Werkes in Neuss. Sein Betrieb benötigt so viel Energie wie die gesamte Stadt Düsseldorf. "Für uns muss der Ausstieg verlässlich gestaltet werden und nicht in ständig sich ändernden Zahlen, was das Ausstiegsdatum bedeutet", so Höhner. "Wir müssen die Möglichkeit haben, diesen Wandel auch mitgehen zu können." Er sieht durch einen zu schnellen Ausstieg Arbeitsplätze bedroht.

Kohleausstieg jetzt?: "Nur mit besseren Netzen"

WDR 5 Morgenecho - Interview 21.06.2019 05:12 Min. Verfügbar bis 20.06.2020 WDR 5

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Landesregierung bremst Erwartungen

NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP)

Pinkwart: "Wir wollen ehrgeizig sein."

Unterstützung bekommt er von der NRW-Landesregierung. Auch sie hält wenig von immer neuen Ausstiegsdaten: "Wir müssen sicherstellen, dass die Ziele in einem vernünftigen Maße gemeinsam erreicht werden können", betont Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) gegenüber dem WDR. "Wir wollen ehrgeizig sein beim Klimaschutz, aber wir müssen eben auch die Versorgungslage der Verbraucher und Betriebe im Blick behalten."

Bevor die Kohle verzichtbar wird, müssten Leitungen gebaut sowie Stromspeicher und viele neue Windräder errichtet werden, so Pinkwart. Und das werde dauern - auch deshalb, weil bisher die Gesetze dafür fehlen.

Stand: 30.06.2019, 08:00