Currenta

Mitarbeiter und Behörden alarmiert: Sicherheitsmängel bei Currenta

Stand: 27.02.2022, 15:00 Uhr

Mehr als ein halbes Jahr nach der Explosion im Leverkusener Chempark zeigen interne Dokumente, die dem WDR-Magazin Westpol vorliegen: Bei Currenta gibt es grundsätzliche Probleme mit der Sicherheit.

Von Daniela Becker und Marc Steinhäuser

Eigentlich soll es bald wieder richtig losgehen. Schon in einigen Wochen könnte die Sondermüll-Verbrennungsanlage von Currenta in Leverkusen-Bürrig teilweise wieder hochgefahren werden. Currenta-Geschäftsführer Frank Hyldmar wirbt in einem Video mit Verbesserungen seit der Explosion im Juli 2021 und sagt: "Für uns bei Currenta hatte und hat Sicherheit stets höchste Priorität." Demonstrative Transparenz auch für ausgewählte Anwohnerinnen und Anwohner: Sie werden in dieser Woche per Bus durch den Chempark gefahren.

Schwere Vorwürfe von Currenta-Mitarbeitern

Doch interne Unterlagen der Firma Currenta und Berichte an die Landesregierung, die dem WDR-Magazin Westpol vorliegen, offenbaren jetzt grundsätzliche Probleme bei der Sicherheit an den Currenta-Standorten in Leverkusen, Krefeld und Dormagen.

Bei Currenta sorgten sich Mitarbeitende intern über Sicherheitsmängel - sie betreffen die Sicherheitszentrale des Unternehmens, eine Art Leitstelle zur Alarmierung, aber auch zur Steuerung einzelner Anlagen. In einer vertraulichen Firmen-Auflistung, die eine Kanzlei im Auftrag von Currenta erstellt hat, erheben Currenta-Mitarbeiter schwere Vorwürfe.

Am 27. Juli 2021 kam es im Chempark zu einer Explosion.

Am 27. Juli 2021 kam es zu einer Explosion bei Currenta

Wörtlich ist dort festgehalten: "Hausalarm funktioniert nicht, insbesondere am Tag der Explosion", auch "Alarmdurchsagen funktionieren nicht zuverlässig." Die "Sicherheitszentrale stürzt häufig ab, unter anderem am Tag der Explosion." Mängel, die im Notfall Zeit kosten können. Am 27. Juli 2021 waren sieben Menschen bei der Explosion im Chempark ums Leben gekommen, 31 Personen wurden verletzt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt noch immer gegen Currenta.

NRW-Innenministerium sieht "Mängel bei Gefahrenabwehr"

Hätte die Explosion im Juli weniger Opfer gefordert, bei störungsfreier Technik? Currenta dementiert gegenüber dem WDR. Es gebe "keinen Zusammenhang zwischen der Alarmierung der Feuerwehrleute durch die Sicherheitszentrale und den tragischen Folgen der Explosion." Außerdem erklärt Currenta, die Hinweise der Mitarbeitenden bildeten nicht den finalen Stand ab: "Es gab keinen Absturz der Sicherheitszentrale." Für jedes Zentralsystem seien Backup-Systeme vorhanden.

Einzelne "gelegentliche Teilstörungen" in der Sicherheitszentrale räumt Currenta allerdings ein - diese hätten keine Bedeutung für den Einsatz am Unfalltag gehabt. Doch die NRW-Landesregierung nimmt die Probleme offenbar ernst: Bei der "Gefahrenabwehr" des Unternehmens Currenta seien "Mängel identifiziert worden", bestätigt das NRW-Innenministerium auf WDR-Anfrage.

NRW-Innenminister Herbert Reul und Umweltministerin Ursula Heinen-Esser (beide CDU)

Innenminister Reul und Umweltministerin Heinen-Esser (beide CDU)

Das erklärt auch eine überraschende politische Ankündigung: Vor wenigen Tagen verkündete NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser (CDU), sie wolle nun alle Chemie-Parks in Nordrhein-Westfalen "systematisch" überprüfen. In einem aktuellen Bericht der Ministerin an den Landtag wird allerdings nicht weiter ausgeführt, welche Erkenntnisse sie dazu bewogen haben.

Was also steckt dahinter? Die Vorwürfe von Currenta-Mitarbeitenden hatten ein halbes Jahr nach der Explosion auch die Behörden erreicht. Dies führte Mitte Januar zu einer unangekündigten Störfallinspektion im Chempark Dormagen - mit erstaunlichen Erkenntnissen.

Ungenehmigte Änderungen in der Currenta-Sicherheitszentrale

Ein interner Bericht der Bezirksregierung Köln an die Landesregierung zu der Inspektion, der dem WDR-Magazin Westpol vorliegt, offenbart grundsätzliche Probleme beim Sicherheitsmanagement von Currenta. Demnach hat Currenta im Frühjahr 2021 - wenige Monate vor der Explosion - die Sicherheitszentralen umstrukturiert und ein neues Leitstellensystem eingeführt. Dies allerdings ohne Genehmigung der Behörden. Das NRW-Innenministerium hält den Zustand für nicht rechtskonform.

Currenta bestätigt die Systemumstellung der Leitstellentechnik im April 2021 für die Standorte Leverkusen, Dormagen und Krefeld. Fragen des WDR zur Genehmigung lässt das Unternehmen unbeantwortet. Es handele sich um eine Technik deutscher Hersteller, die auch von vielen kommunalen Feuerwehren eingesetzt werde. Die Umstellung erfolgte laut Currenta nach "umfangreichen Tests und mit einem abgesicherten Konzept zur Inbetriebnahme."

Inspektionsbericht stellt bei Currenta "bewusst falsche Angaben" fest

Die Behörden trauen diesen Aussagen offenbar nicht. Im Inspektionsbericht zu Currenta heißt es wörtlich, es sei "wiederkehrend zu erheblichen technischen und organisatorischen Problemen" gekommen, "auf die Mitarbeiter ihre Führungskräfte hinwiesen." Weder der Störfallbeauftragte des Unternehmens sei darüber informiert worden, noch die zuständige Aufsichtsbehörde. Außerdem steht in dem internen Bericht, der dem WDR vorliegt: "Einige Vertreter des Unternehmens behinderten die Sachverhaltsermittlung, sei es durch fehlende oder bewusste falsche Angaben."

Vorwürfe zu falschen Angaben findet Currenta "nicht nachvollziehbar". Man arbeite eng mit den zuständigen Behörden zusammen und habe "freiwillig Einblick in die bei uns eingegangenen Meldungen von Currenta-Mitarbeitern mit Bezug zur Sicherheitszentrale gewährt." Und: Den Störfallbeauftragten habe man gar nicht einbinden müssen.

Bericht liegt seit Januar vor - Abgeordnete wissen darüber nichts

Aussagen, die im NRW-Landtag noch ein Nachspiel haben dürften. Denn die Abgeordneten wissen bisher gar nichts von den Sicherheitsmängeln - die Landesregierung ist aber seit mehr als einem Monat darüber im Bilde.

Der grüne Landtagsabgeordnete Norwich Rüße zeigt sich entsetzt. Er sei verärgert, dass diese "hochbrisanten Informationen" bisher von der Landesregierung nicht kommuniziert worden seien. "Das Unternehmen hat Dinge gemacht, die es nicht hätte tun dürfen." Dies dürfe die Umweltministerin nicht vor den Abgeordneten und der Öffentlichkeit zurückhalten.

Wir berichten über dieses Thema u.a. am 27.02. um 19:30 Uhr im WDR Fernsehen in der Sendung Westpol.

Currenta: Mangelhafte Sicherheit

Westpol 27.02.2022 11:59 Min. UT DGS Verfügbar bis 27.02.2023 WDR