Arbeitsschutz-Behörde wirft Tönnies systematische Corona-Verstöße vor

Schriftzug des Fleischbetriebs Tönnies in Rheda-Wiedenbrück

Arbeitsschutz-Behörde wirft Tönnies systematische Corona-Verstöße vor

Von Sebastian Galle und Marc Steinhäuser

Nach dem Corona-Ausbruch 2020 versprach der Fleischkonzern Tönnies Verbesserungen. Doch interne Prüfberichte, die dem WDR-Magazin Westpol vorliegen, dokumentieren auch 2021 zahlreiche Verstöße gegen Corona-Regeln.

Eigentlich wollte der Fleischkonzern Tönnies nach dem Corona-Ausbruch im Sommer 2020 alles besser machen. "Wir sind die Ursache und stehen in voller Verantwortung. Wir werden diese Branche verändern", erklärte Miteigentümer Clemens Tönnies im Juni 2020. Mehr als 1.400 Beschäftigte hatten sich damals mit Corona angesteckt. Zeitweise wurde der Betrieb geschlossen, die Kontrollen wurden verschärft, neue Konzepte erarbeitet.

Interne Prüfberichte dokumentieren zahlreiche Corona-Verstöße

Doch was hat sich seitdem wirklich im Betrieb verbessert? Dokumente der Bezirksregierung Detmold, die dem WDR-Magazin Westpol vorliegen, dokumentieren auch in der ersten Jahreshälfte 2021 zahlreiche Verstöße gegen die Corona-Regeln. Im April 2021 heißt es in einem Brief des Arbeitsschutzes an das Unternehmen: "Die Umstände verdeutlichen, dass es systematische Mängel in ihrer Arbeitsschutzorganisation gibt."

Die Behörde schreibt, die Verstöße im Bereich der Schweinezerlegung seien keine Einzelfälle. Bei acht Terminen gab es zahlreiche Mängel: So fehlten Abtrennungen zwischen den Arbeitsbereichen oder waren hochgeklappt. Mund-Nasenbedeckungen wurden nicht korrekt getragen, es kam zu vielen Abstandsverstößen. Abstände würden erst eingehalten, wenn die Kontrollen beginnen.

Gewerkschaft fassungslos über neue Mängelliste

Mohamed Boudih, in Nordrhein-Westfalen Chef der Gewerkschaft NGG, ist ist fassunglos angesichts der Mängelliste - vor allem, darüber dass die Behörde von "systematischen Mängeln" spricht. Es sei bemerkenswert, dass die Behörde ein solches Wort in den in den Mund nehme.

"Die Umstände verdeutlichen, dass es systematische Mängel in ihrer Arbeitsschutzorganisation gibt." Bezirksregierung Detmold

Der Fleischkonzern Tönnies wiederum stellt die Situation anders dar. Im Westpol-Interview räumt die Firma zwar Unstimmigkeiten ein, wehrt sich aber dagegen, dass diese als systematisch bezeichnet werden. "Immer mal wieder hat der eine die Maske nicht richtig auf, oder es stehen auch mal Menschen beieinander. In diesem Zusammenhang von systematischen Mängeln zu sprechen, halte ich für nicht angemessen", sagt Gereon Schulze-Althoff, Leiter Qualitätsmanagement bei Tönnies.

Tönnies verweist auf neues Konzept mit Filtern

Tönnies lässt inzwischen juristisch prüfen, ob die Mängel von der Bezirksregierung Detmold als „systematisch“ bezeichnet werden dürfen. Seit der Krise im vergangenen Jahr seien mehr als 20 Millionen Euro in den Corona-Schutz geflossen. Es würden Mitarbeiter getestet, zudem gebe es Hepa-Filter in den Produktionsbereichen.

Gereon Schulze-Althoff verweist im Westpol-Interview auch darauf, dass es bei Tönnies "in der Belegschaft keine größeren Ausbruchsgeschehen mehr gegeben" habe. Das zeige, dass man in einem besonderen Risikoumfeld effektiv gewesen sei. Allerdings: Bereits im Herbst 2020 hatten Westpol-Recherchen gezeigt, dass es vor dem Corona-Ausbruch bei Tönnies ebenfalls zu Verstößen gekommen war.

Gewerkschafts-Landeschef Mohamed Boudih sieht Tönnies in der Verantwortung, den Schutz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewährleisten. Die Regel-Verstöße seien "eine Ohrfeige für alle in unserem Land, die sich an solche Regeln halten." Es sei eine Unverschämtheit, dass der Konzern offenbar glaube, sich nicht daran halten zu müssen, findet der NGG-Chef.

Unterdessen drohte die Bezirksregierung Detmold bei erneuten Verstößen Tönnies mit bis zu 30.000 Euro Zwangsgeld. Ob die Mängel aber als systematisch bezeichnet werden dürfen, soll nun ein Verwaltungsgericht klären. Dann müsste das Unternehmen im Zweifel nochmal nachbessern.

Stand: 19.12.2021, 10:00

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