Kindesmissbrauch: Mindestens 566 Verdachtsmeldungen in NRW

Kindesmissbrauch: Mindestens 566 Verdachtsmeldungen in NRW

  • WDR-Umfrage nach Lügde unter Jugendämtern
  • Personalausstattung und Standards nicht einheitlich
  • Arbeitsbelastung regional sehr verschieden

Die Jugendämter in NRW verzeichneten im vergangenen Jahr mindestens 566 Verdachtsmeldungen auf sexuellen Kindesmissbrauch. Das geht aus einer Erhebung bei allen NRW-Jugendämtern hervor, die der WDR nach den Kindesmissbrauchsfällen von Lügde durchgeführt hat. Demnach gingen bei diesen Kommunen im vergangenen Jahr im Schnitt fünf solcher Verdachtsmeldungen ein. An der Umfrage haben 139 von insgesamt 186 Ämtern teilgenommen.

Familienminister Stamp fordert mehr Expertise

Anders als in der Polizeilichen Kriminalstatistik NRW wird in den Jugendämtern sexuelle Gewalt nicht einheitlich erfasst und bearbeitet. 37 Kommunen haben zu Verdachtsmeldungen bei dieser Form der Kindeswohlgefährdung keine Angaben gemacht, da sie diese statistisch nicht oder anders erfassen.

Familienminister Joachim Stamp (FDP)

Stamp: "Mehr Expertise"

Daher wünscht sich Familien- und Jugendminister Joachim Stamp (FDP) auch bei den Jugendämtern mehr Klarheit in solchen Fällen. Er wolle dafür sorgen, dass "in jedem kleinen Jugendamt" die entsprechende Expertise "nicht nur bei Kindeswohlgefährdungen, sondern speziell bei sexualisierter Gewalt gegen Kinder" vorhanden sei, so Stamp im Interview mit dem landespolitischen WDR-Magazin "Westpol".

Viele Fälle pro Mitarbeiter - trotz mehr Personals

Einige Kommunen klagen über massive Überlastung. "Irgendwann ist auch der Ofen aus. Wenn uns nicht geholfen wird, dann wird irgendwann dieses System zwangsläufig implodieren", sagt Alfred Sonders (SPD). Der Bürgermeister von Alsdorf sagt, er könne aufgrund einer Haushaltssperre keine neuen Jugendamtsmitarbeiter einstellen und warnt: Wenn die Kommunen nicht mehr Mittel von Bund und Land bekämen, werde es "Probleme geben, und das wollen wir alle nicht hoffen".

Große Unterschiede im Sozialen Dienst

Bei der Arbeit im Allgemeinen Sozialen Dienst der Jugendämter zeigt die WDR-Erhebung große regionale Unterschiede. In diversen Kommunen müssen sich einzelne Mitarbeiter um sehr viele Fälle kümmern. In Rösrath beispielsweise kamen demnach durchschnittlich 101 Fälle auf eine Planstelle, im Kreis Siegen-Wittgenstein 97 und in Gelsenkirchen 79. Eine niedrige Fallrelation gaben Goch (23), Erkelenz (18) und Schwerte (16) an. 40 Prozent der teilnehmenden Ämter haben entsprechende Angaben gemacht.

Fälle pro Planstelle (Fallrelation)

Im Durchschnitt liegt die Fallrelation in der WDR-Umfrage bei 39. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Allgemeiner Sozialer Dienst hatte sich bereits vor einigen Jahren für eine Fallzahlobergrenze von 35 pro Stelle ausgesprochen.

Ergänzung 20.05.: Die Stadt Gelsenkirchen weist darauf hin, dass im Jahr 2018 rund 79 Minderjährige betreut wurden, aber insgesamt nur etwa 37 Familien. Der Kreis Siegen-Wittgenstein betont, dass im Jahr 2018 zwar 97 Fälle pro Mitarbeiter im Regionalen Sozialdienst im System erfasst wurden, sich davon aber nur 33 Fälle pro Mitarbeiter im engeren Sinne auf "hilfeplangesteuerte Maßnahmen" wie etwa Inobhutnahmen beziehen würden. Ähnlich ergänzt die Stadt Rösrath Ihre Angaben: Die Fallrelation speziell für "hilfeplanrelevante Fälle" betrug demnach im Jahr 2018 für Rösrath 37 pro Planstelle.

Fall Lügde: Therapie-Aufschub "nicht zu verantworten"

WDR 2 14.05.2019 03:37 Min. WDR Online

Download

Stand: 19.05.2019, 15:00