Vor Corona-Ausbruch: Gravierende Arbeitsschutzverstöße bei Tönnies

Das Logo der Firma Tönnies

Vor Corona-Ausbruch: Gravierende Arbeitsschutzverstöße bei Tönnies

Von Henrik Hübschen und Marc Steinhäuser

Laut internen Prüfberichten des Arbeitsschutzes der Bezirksregierung Detmold, die dem WDR-Magazin Westpol vorliegen, sind in der Fleischfabrik Tönnies im Mai "gravierende Mängel" festgestellt worden - deutlich mehr als bislang bekannt. Demnach trug kein einziger Mitarbeiter im Schlacht-Bereich einen Mund-Nasen-Schutz. Toiletten waren verunreinigt.

Es ist eine lange Liste an Versäumnissen: Auf fünf Seiten hält die Bezirksregierung Detmold Mitte Mai fest, an welchen Stellen die Firma Tönnies wenige Wochen vor dem Corona-Ausbruch gegen die SARS-CoV2-Arbeitsschutzstandards verstößt und dabei das firmeneigene Hygiene-Konzept missachtet. Eine Kontrolle am 15. Mai 2020 ergab demnach: "Im gesamten Bereich der Schlachtung tragen die Mitarbeiter keine Mund-Nasen-Bedeckung."

Das geht aus Berichten des Arbeitsschutzes hervor, die dem WDR-Magazin Westpol vorliegen. Demnach wurde Tönnies in der Pandemie zwischen Mitte März und Mitte Mai zunächst überhaupt nicht kontrolliert. Erst nach dem Corona-Ausbruch bei der Firma Westfleisch Anfang Mai rückten Kontrolleure in anderen Schlachtbetrieben an, so auch bei Tönnies.

Verunreinigte Toiletten und zu viele Sitzplätze

In Rheda-Wiedenbrück waren die Mängel offensichtlich: In der Kantine wurden "keine Maßnahmen getroffen, um die Anzahl der Sitzplätze zu reduzieren", zudem sei keine Zwischenreinigung oder Desinfektion erfolgt.

In allen kontrollierten Toilettenräumen fehlten laut Bericht Desinfektionsmittelspender. "Die Toiletten waren zum Teil erheblich verunreinigt", stellten die Kontrolleure fest. Tönnies räumte gegenüber der Bezirksregierung ein, dies sei "nicht akzeptabel". Man könne aber nicht nach jedem Toilettenbesuch reinigen.

Insgesamt sehen die Arbeitsschützer an diversen Stellen im Betrieb Mitte Mai "gravierende Mängel im Hinblick auf die Vorgaben der SARS-CoV2- Arbeitsschutzstandards." Tönnies versprach schriftlich Besserung und gab an, der Mund-Nasen-Schutz sei "eine Basis-Anforderung des Hygienekonzepts."

Doch bis zur nächsten Vor-Ort-Kontrolle der Bezirksregierung vergehen zwei Wochen - ein Umstand, den der Wissenschaftler und Arbeitsschutz-Experte Stefan Sell von der Hochschule Koblenz nicht nachvollziehen kann. "In Pandemie-Zeiten hätte man viel schneller reagieren müssen", sagte Sell dem WDR. Die Bezirksregierung teilte auf Anfrage mit, "schwerwiegende Mängel" seien im Mai abgestellt worden. Tönnies betont, Ende Mai habe man die Corona-Standards "fast vollständig erfüllt."

Weitere Prüfungen finden grundsätzliche Probleme

Mitte Juni gerät Tönnies in die Schlagzeilen - mehr als 2000 Mitarbeiter hatten sich mit Corona infiziert. Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) erklärt vielsagend, jetzt werde man "streng nach Recht und Gesetz verfahren." Plötzlich droht die Bezirksregierung Tönnies mit Zwangsgeldern für fehlende Unterlagen.

Eine Person sortiert in Scheiben geschnittenes Fleisch

Der Konzern gibt sich überrascht: Die Unterlagen seien auch vorher im Betrieb einsehbar gewesen. Doch erneute Kontrollen während der durch Corona bedingten zwischenzeitlichen Betriebsstilllegung fördern auf einmal grundsätzliche Probleme zutage: Ende Juni und Anfang Juli finden Prüfer nun gefährliche Arbeitsplätze bei Tönnies.

Aufgelistet werden laut Prüfberichten nunmehr ganz grundsätzlich Absturzgefahren, fehlende Schutzbrillen, leere Verbandskästen. Zudem seien im Betrieb gemessen an der Zahl der Mitarbeiter insgesamt zu wenige Toiletten vorhanden. Tönnies bessert daraufhin wieder nach, ergänzt Geländer, verlegt Arbeitsplätze und füllt Erste-Hilfe- Koffer nach - und verweist auf weitere Toiletten in einem Nachbargebäude.

Bezirksregierung: Konnten erst bei Schließung alles prüfen

Doch warum schaut der Arbeitsschutz erst nach dem Corona-Ausbruch bei Tönnies so gründlich hin? Für Norwich Rüße, landwirtschaftspolitischer Sprecher der Grünen- Fraktion im NRW-Landtag, sind Art und Umfang der Kontrollen bei Tönnies nicht nachvollziehbar. "Arbeitsschutz kann nicht verhandelbar sein", kritisiert Rüße gegenüber dem WDR. "Man kann nicht sagen, ich kontrolliere nur 80 Prozent." Die Fleischindustrie sei der Politik über Jahre "entglitten", so Rüße.

Die Bezirksregierung Detmold rechtfertigt sich, nur die vorübergehende Schließung des Betriebs habe eine "umfängliche Prüfung" ermöglicht. Tönnies verweist zudem darauf, dass der Corona-Ausbruch durch "Superspreading Events in Zerlegeräumen" zustande gekommen sei. Mittlerweile wird der Fleischkonzern allerdings deutlich engmaschiger kontrolliert: Allein im Juli waren die Arbeitsschützer neunmal im Betrieb.

Außer Kontrolle: Coronaverstöße bei Tönnies Westpol 20.09.2020 UT DGS Verfügbar bis 20.09.2021 WDR

Stand: 20.09.2020, 10:00

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