Nach Lockdown: Sozial benachteiligte Kinder bleiben zurück

Beitrag vernachlässigte Kinder in der Pandemie

Nach Lockdown: Sozial benachteiligte Kinder bleiben zurück

Von Anne Bielefeld

Seit Beginn des neuen Schuljahres zeigt sich: sozial benachteiligte Kinder können den versäumten Schulstoff oft nicht aufholen. Um das zu ändern, brauche es mehr Lehrer und Erzieher, fordert das Kinderhilfswerk "Arche". Immerhin: die mögliche Ampelkoalition verspricht eine Kindergrundsicherung einzuführen.

"Wäre die Arche in der Coronazeit offen gewesen, hätte ich das Schuljahr bestimmt gepackt", sagt der 14-jährige Arda aus Düsseldorf. Er wiederholt gerade die 7. Klasse an einer Realschule. Vor Corona konnte Arda jeden Tag nach der Schule zur "Arche" gehen, ein Kinderhilfswerk, das sozial benachteiligten Kindern Unterstützung anbietet. Arda war hier in der Hausaufgabenbetreuung und bekam kostenlosen Nachhilfeunterricht. Zuhause habe er so eine Hilfe nicht, sagt er. Seine Mutter ist alleinerziehend und arbeitet viel.

Ein Ort für Kinder

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Arda macht Hausaufgaben in der Arche

So wie Arda geht es auch den etwa 80 anderen Kindern und Jugendlichen, die täglich die "Arche" Kinderstiftung im Düsseldorfer Stadtteil Wersten besuchen. Hier bekommen sie ein warmes Mittagessen und Hilfe bei den Hausaufgaben; können zusammen spielen und lachen. Vier festangestellte Pädagogen, zwei FSJler und Ehrenamtliche kümmern sich um die Kinder, schenken ihnen Nähe und Aufmerksamkeit. Ein Gefühl, das zuhause oft fehlt.

"Corona hat die Kinder verändert"

Die "Arche" in Wersten ist eine von 27 Einrichtungen bundesweit für sozial benachteiligte Kinder zwischen 6 und 17 Jahren. Ihre Angebote sind kostenlos und durch Spendengelder finanziert. Doch wegen der Pandemie hatte das Kinderhilfswerk mehr als anderthalb Jahre nur sehr eingeschränkt geöffnet, war teilweise ganz geschlossen. Seit Ende August geht hier alles wieder seinen gewohnten Gang, wenn auch unter Hygieneauflagen.

Corona habe die Kinder verändert, sagt Kristine Shahinmehr, Leiterin der "Arche" in Düsseldorf. Viele Jungs und Mädchen hätten zugenommen. Mediensucht und psychische Probleme träten jetzt häufiger auf. Mühsam versuchen die Betreuer den 7- und 8-Jährigen Lesen und Schreiben beizubringen. "Die Kinder haben sehr viel verloren, was sie nicht mal eben so aufholen können", sagt Kristine Shahinmehr.

"Arche" fordert Kindergrundsicherung

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Kristine Shahinmehr, Leiterin der "Arche" in Düsseldorf

Bundesweit ist jedes fünfte Kind von Armut bedroht. Die mögliche Ampelkoalition möchte deshalb eine Kindergrundsicherung einführen. Die Gründer der "Arche" Kinderstiftung fordern das schon lange: 600 Euro im Monat für sozial benachteiligte Kinder soll es geben, wenn es nach ihnen geht. Davon soll die Hälfte an Schulen und Kitas fließen. "Es ist wichtig, dass wir aufholen. Dafür brauchen wir mehr Lehrkräfte und pädagogisches Personal an den Schulen.", sagt Wolfgang Büscher von der "Arche" Kinderstiftung.

Hoffen auf mehr Schulsozialarbeiter

In NRW wird die Schulsozialarbeit ab 2022 zwar neu aufgestellt. Über das Landesprogramm "Förderung von Schulsozialarbeit in Nordrhein-Westfalen" stehen dann jährlich rund 72 Millionen Euro zur Verfügung. Damit verfügt aber auch weiterhin nicht mal jede zweite Schule in NRW über eine Vollzeitstelle für Schulsozialarbeit.

Arda und die anderen Kinder in der "Arche" in Düsseldorf hoffen, dass die Einrichtung nicht wieder schließen muss. Denn hier können sie sich drauf verlassen, dass Erwachsene sich nach der Schule für ein paar Stunden am Tag um sie kümmern.

Stand: 17.10.2021, 10:28