Fall Lügde: Ein Koffer voller Beweise - für immer verschwunden?

Ein Polizeiauto steht vor einem abgesperrten Wohnwagen auf dem Campingplatz Eichwald in Lügde

Fall Lügde: Ein Koffer voller Beweise - für immer verschwunden?

Von Nina Magoley

Er spielt eine zentrale Rolle bei der Suche nach dem verschwundenen Koffer voller CDs im Fall Lügde - doch im Untersuchungsausschuss zeigt ein junger Polizist viele Gedächtnislücken. Um die Versäumnisse der Kollegen zu decken, vermuten Abgeordnete.

Im karierten Flanellhemd, die Haare modisch zum Knoten gebundenen, sitzt der junge Mann in der Mitte des Saals. Stundenlang prasseln die Fragen der Landtagsabgeordneten auf ihn ein, und immer wieder kommt die selbe Antwort: "Daran erinnere ich mich nicht." Die Nerven der Ausschussmitglieder sind zunehmend gespannt - denn der 21-Jährige ist bei der Aufklärung der Ermittlungspannen rund um den Kindesmissbrauch in Lügde eine zentrale Figur.

Als Praktikant in der Ausbildung hatte er im Dezember 2018 die Aufgabe, einen ganzen Koffer voller CDs mutmaßlich mit kinderpornografischen Bildern und Videos zu sichten. Wochen später waren Koffer und CDs verschwunden - und sind es bis heute. Das verschwundenen Beweismaterial ist nur ein Detail einer Reihe von unerhörten Ermittlungspannen und Ungereimtheiten bei der Kreispolizeibehörde Lippe.

Zeuge fand Vorgehen selbst "sehr merkwürdig"

Über den Auftrag, die 155 CDs zu sichten, habe er sich schon gewundert, erinnert sich Zeuge K. heute. Zum einen darüber, dass ihm als bloßer Praktikant eine solche Aufgabe zugetraut würde.

Zum anderen aber auch, weil der besagte Koffer mit den CDs, den die Polizei in der Wohnung des Täters Andreas V. gefunden hatte und der als wichtiges Beweismaterial gelten könnte, in der Frühbesprechung zunächst mal unter dem Tisch der Vorgesetzten gestanden hätte. "Man hat ja gelernt, wie mit Asservaten umzugehen ist", erzählt K., und dann stehe da "auf einmal der Koffer einfach so rum". Sehr merkwürdig habe er das gefunden.

Beweismaterial einfach herumliegen lassen

Polizei durchsucht Parzelle des Verdächtigen

Tatort Campingplatz

Dennoch macht der Polizei-Azubi sich an die Arbeit. Kinderpornografisches Material findet er, seinen heutigen Aussagen zufolge, nicht. Sicherheitshalber speichert er einige Fotos von kleinen Kindern - schlafend, im Freizeitpark, beim Tauchen im Schwimmbad - auf die von seinem Tutor vorbereitete Festplatte. Dann, so erinnert sich K., lässt er Koffer und CDs auf dem Schreibtisch liegen. "Ich ging davon aus, dass sich jemand mit mehr Erfahrung die Bilder später noch ansieht."

Doch das ist offenbar nie geschehen. Wochen später, Ende Januar 2019, als das Versagen der Lipper Polizeibehörde intern auffliegt, werden plötzlich die CDs gesucht. K. glaubt sie noch immer auf dem Schreibtisch und geht in den Sichtraum - doch die Asservate sind verschwunden. In Panik habe er das ganze Gebäude abgesucht, erzählt er - vergebens.

Stand: 25.09.2020, 17:40