Fall Lügde: Neue Vorwürfe gegen Jugendamt Höxter

Ein Polizeiauto steht vor einem abgesperrten Wohnwagen auf dem Campingplatz Eichwald in Lügde

Fall Lügde: Neue Vorwürfe gegen Jugendamt Höxter

Von Arne Hell

Im Fall des massenhaften sexuellen Missbrauchs in Lügde standen bisher vor allem die Jugendämter Hameln und Lippe im Fokus. Im Untersuchungsausschuss zeigt sich: Auch ein weiteres Jugendamt hatte Hinweise auf sexuellen Missbrauch.

In den Akten, die dem Untersuchungsausschuss im NRW-Landtag vorliegen, wird das Mädchen "Daniela" genannt - nicht ihr richtiger Name. Sie ist eines der Kinder, dem über einen längeren Zeitraum auf dem Campingplatz in Lügde sexuelle Gewalt angetan wurde. Missbraucht wurde sie vor allem von Mario S., dem jüngeren der beiden verurteilten Haupttäter. Er ist ihr Patenonkel.

Damals war Daniela etwa acht Jahre alt. Zuständig für das Kind war zu diesem Zeitpunkt das Jugendamt Höxter. Es schickte regelmäßig eine Familienhilfe, die Danielas Mutter bei der Erziehung helfen sollte. Diese freiwillige Unterstützung sei von der Mutter gut angenommen worden, sagte die damals zuständige Mitarbeiterin des Jugendamtes am Mittwoch im NRW-Landtag aus. Die Gefahr des sexuellen Missbrauchs sei allerdings mit dem Kind oder in den Gesprächen mit der Familienhilfe nicht genauer thematisiert worden.

Von Geburt an in Gefahr

„Es kann nur erfolgreich gearbeitet werden, wenn alle in der Jugendhilfe die gleichen Informationen haben“, sagt der FDP-Abgeordnete Marc Lürbke, der sich im Ausschuss fassungslos zeigte. Dabei war das Jugendamt Höxter sozusagen von Danielas Geburt an gewarnt. Das Mädchen war gerade einmal ein paar Monate alt, da meldete sich nach WDR-Informationen der damalige Bewährungshelfer ihres Vaters beim Jugendamt. Der hatte schon vor ihrer Geburt eine vierjährige Haftstrafe wegen sexuellen Kindesmissbrauchs abgesessen.

Die Versäumnisse des Jugendamts im Fall Lügde

WDR 5 Westblick - aktuell 03.02.2021 05:30 Min. Verfügbar bis 03.02.2022 WDR 5


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Dazu kam 2015 aus der Grundschule eine Meldung über eine Gefährdung des Kindeswohls: Daniela starre teilnahmslos vor sich hin, ihr tue der Po weh und der neue Freund der Mutter kitzele sie, obwohl sie das nicht wolle. „Dieser Verdacht hat sich nicht bestätigt“, sagte die Mitarbeiterin des Jugendamtes im Ausschuss. Schließlich habe eine Untersuchung im Krankenhaus ergeben, dass es keine Missbrauchsverletzungen gebe. „So einem Verdacht muss doch aufgeklärt werden“, sagt der SPD-Abgeordenete Andreas Bialas, „wir reden hier über schwere Straftaten, das ist also erstmal auch eine Aufgabe der Strafverfolgung“.

Kontaktverbot zu Mario S. – die Mutter sollte es überwachen

Niemand schaltete die Polizei ein. Auch nicht 2017, als die nächste Gefährdungsmeldung beim Jugendamt Höxter einging. Die Frau, die die Kontakte zum Vater begleitete, schlug 2017 Alarm. Das Mädchen schlafe bei Mario S. im Bett, sie küsse ihn auf den Mund, er versuche, die „Kontrolle über das Kind“ auszuüben. Das Jugendamt reagierte zwar auf die Meldung und verbot den Kontakt mit Mario S. Allerdings vereinbarte sie das nur mit der Mutter. Sie sollte für die Einhaltung sorgen – obwohl das Jugendamt laut Akten Zweifel hatte, „ob sie das Ausmaß dieser Situation einschätzen kann“.

Am Ende sorgte das Jugendamt noch für einen Therapieplatz für Daniela. Die Familienhilfe wurde beendet. Die Mutter habe sie nicht mehr benötigt, sagte die Mitarbeiterin aus dem Kreis Höxter im Ausschuss aus. „Es zeigt sich in diesem Untersuchungsausschuss ein Muster bei den Jugendämtern“, sagt die Grünen-Abgeordnete Verena Schäffer dazu, „zum einen, dass das Kind in den Mittelpunkt gerückt und gehört werden muss. Zum anderen, dass es mehr Wissen über Täterstrategien geben muss“. Geschult im Umgang mit sexuellem Kindesmissbrauch war niemand in den Jugendämtern im Fall Lügde.

Stand: 03.02.2021, 18:49