U-Ausschuss Flutkatastrophe: Chef des Landesumweltamtes weist Vorwürfe zurück

Ahr und Erft wurden zu reißenden Strömen. Autos und Bäume, sogar Brücken und ganze Häuser wurden weggespült. Mehr als 180 Menschen verloren ihr Leben. Die Ahr bei Schuld.

U-Ausschuss Flutkatastrophe: Chef des Landesumweltamtes weist Vorwürfe zurück

Von Beate Becker

Neunte Sitzung des U-Ausschusses zur Flutkatastrophe vom Juli 21: Befragt wurde unter anderem der Leiter des Landesumweltamtes, das die Flusspegel im Land überwacht.

Die Aussage von Thomas Delschen wurde mit Spannung erwartet. Delschen ist Präsident des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV). Als Chef der Landesbehörde musste er sich dem Vorwurf stellen, vor der herannahenden Flutkatastrophe nicht ausreichend informiert und rechtzeitig gewarnt zu haben. Delschen wies das zurück und machte deutlich, dass er es nicht für die Aufgabe seiner Behörde hält, die Bevölkerung direkt zu warnen.

Die Aufgabe des Landesumweltamtes sei es, so Delschen, Pegelstände und Niederschlagsmengen zu messen und diese Daten zusammen mit einem Lagebericht den verantwortlichen Behörden zur Verfügung zu stellen, etwa dem Hochwassermeldedienst der Bezirksregierungen. Die Daten seien auch während der Tage der Flutkatastrophe wie immer rechtzeitig gemeldet worden und auch für jeden frei im Internet abrufbar gewesen.

„Aufgaben vollumfänglich erfüllt.“

Delschen betonte, nach seiner "persönlichen Anschauung" habe das LANUV diese Aufgaben während und nach der Flutkatastrophe "vollumfänglich erfüllt". Wichtiger Adressat der Meldungen, so Delschen, seien die Wasser- und Gefahrmeldestellen der Bezirksregierungen. Die seien für das Management des Hochwassers zuständig und dafür verantwortlich, Warnungen und Schutzmaßnahmen in die Wege zu leiten.

"So außergewöhnlich, dass man Alarm schlagen musste."

Zuvor hatte ein Meteorologe und Experte für Vorhersagen den Abgeordneten des Untersuchungsausschusses Simulationsrechnungen von 12. bis 14. Juli 2021 präsentiert. Prof. Joaquim Pinto vom Karlsruher Institut für Technologie betonte, bereits am 12. Juli hätten Simulationen des Deutschen Wetterdienstes klar ergeben, dass die Wahrscheinlichkeit für starke Niederschläge in Südwestdeutschland, Belgien und Holland so außergewöhnlich gewesen seien, "dass man Alarm schlagen musste". Besonders erschreckend sei für ihn und seine Mitarbeiter gewesen, "dass das Gebiet, wo die Einschätzung um 100 Millimeter war, unglaublich groß war. Spätestens am frühen Nachmittag des 13. Juli war es relativ sicher, dass etwas passieren würde im Grenzgebiet NRW und nördlichem Rheinland-Pfalz", so Pinto.

Allerdings sei es nicht möglich, in einem Gebiet wie der Eifel vorherzusagen, welche Täler betroffen sein würden. Das sei frühestens sechs Stunden vor dem Ereignis zu bestimmen. Ob man evakuiert, wenn eine punktgenaue Vorhersage nicht möglich ist? Das sei, so der Meteorologe, eine politische Entscheidung.

"Ein Viertel der Jahresniederschlags, das ist viel."

Auf die Frage, ob der Deutsche Wetterdienst seine Vorhersagen verständlich formuliert habe, zitiert Pinto aus einer Pressemitteilung des Deutschen Wetterdienstes vom 13. Juli. Darin spricht der Dienst von "Niederschlagsmengen 180 Liter pro Quadratmetern, punktuell über 200 Liter pro Quadratmeter." Fazit des Experten: "Für mich ist das eindeutig." Mitarbeiter in Landesbehörden, die sich mit dieser Art Daten beschäftigten, müssten erkannt haben: "Ein Viertel des Jahresniederschlags, das ist viel."

Streit um U-Ausschuss zur Flutkatastrophe

WDR 5 Westblick - aktuell 14.01.2022 05:25 Min. Verfügbar bis 14.01.2023 WDR 5


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SPD droht mit Einschaltung des Verfassungsgerichts

Bereits im Vorfeld dieser Sitzung des Untersuchungsausschusses hatte es Unmut gegeben: Die geplante Zeugenvernehmung eines Abteilungsleiters aus dem Landesumweltministerium wurde auf Druck von SPD und Grünen abgesagt.

Die beiden Oppsitionsfraktionen werfen der Landesregierung vor, dem Ausschuss entscheidende Unterlagen bislang nicht zur Verfügung gestellt zu haben. SPD-Fraktionschef Thomas Kutschaty drohte damit, das NRW-Verfassungsgericht einzuschalten, sollte sich der Eindruck verfestigen, dass die Landesregierung versuche, zu verschleiern. "Unvollständige Aktenbestände, geschwärzte Unterlagen, kurzfristige Einladungen von Zeugen mit zum Teil nur drei ganzen Tagen für die Vorbereitung sind eine Missachtung dieser wichtigen Aufklärungsarbeit", kritisierte Kutschaty.

Stand: 14.01.2022, 20:34