So kommen Flüchtende aus der Ukraine in NRW unter

Stand: 03.03.2022, 11:20 Uhr

Flüchtende aus der Ukraine sind bislang in NRW vor allem privat untergekommen. Doch inzwischen werden auch die Erstaufnahmestellen voller. Ministerpräsident Wüst besuchte am Donnerstag die Unterkunft in Unna-Massen.

Von Nina Magoley

Eine Million Menschen sind nach aktuellen Angaben der UN bereits vor den Angriffen der russischen Armee in die Nachbarländer der Ukraine geflohen. Die meisten Menschen haben sich demnach in Polen in Sicherheit gebracht, wo bis Donnerstag rund 575.000 Kriegsflüchtlinge gezählt wurden. 139.000 flohen nach Angaben der Grenzpolizei nach Rumänien.

Die EU-Staaten haben sich derweil darauf geeinigt, Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine schnell und unkompliziert aufzunehmen. Nach Angaben von EU-Innenkommissarin Ylva Johansson stimmten die Innenminister der Mitgliedsländer dem vorübergehenden Schutzstatus zu. Johansson sprach von einer "historischen Entscheidung".

Wüst appelliert an Putin

Auch in Deutschland kommen immer mehr Menschen an, die Hals über Kopf aus ihrem Zuhause in der Ukraine fliehen mussten. Bislang kamen viele bei Freunden, Verwandten oder anderen hilfsbereiten Menschen unter. Aber auch in den Erstaufnahmestellen des Landes NRW steigt die Zahl der Neuankömmlinge.

NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) hat am Donnerstagmorgen gemeinsam mit Integrationsminister Joachim Stamp (FDP) und dem Landrat des Kreises Unna, Mario Löhr (SPD), die Erstaufnahmestelle in Unna-Massen besucht. Alle drei sprachen mit Familien, die gerade den Bomben entkommen sind und die furchtbare Situation in ihrer Heimat unmittelbar schildern konnten. Sichtlich bewegt richtete Wüst anschließend seine Worte direkt an den russischen Präsidenten: "Herr Putin, die Angst in den Augen dieser Kinder ist Ihre Schande und wird Sie bis an Ihr Lebensende verfolgen!"

30 Menschen aus der Ukraine seien bislang in Unna untergebracht, sagte Wüst. Alle Kommunen, die in Zukunft weitere Flüchtlinge aufnähmen, bekämen von Land und Bund Unterstützung "ohne Wenn und Aber". Die genauen "rechtlichen Rahmen" dafür sollten spätestens auf der nächsten Ministerpräsidentenkonferenz Mitte März geklärt werden.

Stamp: Auch Nicht-Ukrainer bekommen Schutz

Integrationsminister Stamp betonte noch, dass auch Nicht-Ukrainer, die sich zum Beispiel als Studierende in Kiew aufhielten und nun fliehen mussten, in Deutschland Schutz bekämen. Niemand müsse sich um seinen Status Sorgen machen, sagte Stamp, "das ist mit dem Ministerpräsidenten fest verabredet".

Derzeit seien etwa 4.000 Plätze in den Flüchtlingsunterkünften des Landes direkt verfügbar, hatte Stamp bereits am Mittwoch gesagt. Die Zahl ließe sich aber "leicht" auf 10.000 steigern. Dennoch sollten die Landeseinrichtungen nur als "Puffer" für die Unterbringung der Menschen in Kommunen dienen.

Flüchtlinge "in NRW willkommen"

Hendrik Wüst, NRW, Ministerpräsident, Joachim Stamp, Ina Scharrenbach 02.03.2022

Stamp, Wüst, Scharrenbach: "Flüchtlinge willkommen"

Wie viele Menschen aus der Ukraine nach Deutschland kommen werden, sei bisher kaum einzuschätzen. Gemeinsam mit Ministerpräsident Wüst hatte er das Prozedere erklärt: Wer aus der Ukraine nach Deutschland kommt, hat ohnehin erstmal ein Aufenthaltsrecht für 90 Tage - per Touristenvisum. Diese Frist ließe sich "unbürokratisch" um weitere 90 Tage verlängern. Danach gelte der Status "humanitärer Schutz".

Registrierung erforderlich

Da davon auszugehen ist, dass viele der Geflüchteten womöglich länger als ein halbes Jahr nicht nach Hause zurückkehren können, haben das Land und die kommunalen Verbände beschlossen, dass jede und jeder sich direkt registrieren lassen soll. Dadurch könnten Hilfeleistungen wie Schul- und Kitaplätze oder die Wohnungsvergabe besser organisiert werden, sagte Wüst.

Generell sollen die Ankommenden aus der Ukraine nach dem Königsteiner Schlüssel auf die Länder und Kommunen verteilt werden. In NRW wolle man das aber nicht so starr handhaben, sagte Stamp, da sich abzeichne, dass viele Ukrainer Unterkunft bei Verwandten, Freunden oder hilfsbereiten Bürgern fänden.

Um für alle anderen schnell Unterkünfte zu finden, habe sie 480 Wohnungsbaugesellschaften und -genossenschaften in NRW aufgefordert, ihren Leerstand anzugeben, sagte NRW-Bauministerin Ina Scharrenbach (CDU). Auf einer "Wohnraumkarte" sollen dann freie Wohnungen eingetragen werden. Städte und Gemeinden hätten Zugriff auf dieses digitale Verzeichnis, das ab 9. März online gehen soll.

Lage bislang unübersichtlich

Zwei Frauen aus der Ukraine, die am 02.03.122 in Düren ankamen

Angekommen in Düren: Zwei Tage auf der Flucht

Dabei ist die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung in vielen Kommunen bereits groß - die Lage aber offenbar bislang unübersichtlich. So hatte sich beispielsweise die Stadt Düren auf 50 Menschen vorbereitet, die in einem vom örtlichen Rotary Club gemieteten Bus von der polnischen Grenze abgeholt werden sollten. Als der Bus am frühen Mittwochmorgen in Düren eintraf, entstiegen ihm aber nur zwei ukrainische Frauen mit ihren zwei Töchtern.

Zwei Tage lang hätten sie versucht, aus Luhansk zu fliehen, berichtet eine der Frauen. Eine Brücke sei zerstört worden. Doch dann hätten sie rennend einen Zug erreicht - und nun seien sie hier. Mit nichts als einem Koffer und einer Reisetasche.

Offenbar wollen viele, die es über die polnische Grenze geschafft haben, im Moment lieber noch dort ausharren - in der Hoffnung darauf, bald doch wieder nach Hause zurückkehren zu können. Zudem sind es vor allem Frauen und Kinder, deren Männer, Brüder und Väter als Reservisten in der Ukraine bleiben müssen. Immerhin zwölf weitere Geflüchtete trafen nach Angaben des Dürener Pressesprechers im Lauf des Mittwochvormittag in Düren ein. Man rechne aber damit, dass die Zahl der Flüchtlinge doch noch stark zunehmen werde.

Flucht aus der Ukraine: "Bedrohungsperspektive ist real"

WDR 5 Morgenecho - Interview 02.03.2022 05:37 Min. Verfügbar bis 02.03.2023 WDR 5


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Busse sollen Flüchtlinge abholen

In Köln hat die Stadt zunächst 200 Plätze vorbereitet. Innerhalb der nächsten zwei Wochen könne die Kapazität nach Bedarf auf bis zu 1.500 Plätze erweitert werden, teilte die Stadt mit. Dabei sollen zuerst die bestehenden städtischen Unterkünfte mit abgeschlossenen Wohneinheiten belegt werden. Erst im letzten Schritt würden Menschen aus der Ukraine in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht.

Frau aus Kiew

Geflüchtet aus Kiew, Zukunft ungewiss

Am Flughafen Düsseldorf landete am Mittwochnachmittag ein Flugzeug aus dem polnischen Krakau, das vor allem Kinder, Mütter und Großmütter aus dem Kriegsgebiet an Bord hatte. Sie sei noch völlig perplex, sagte eine Mutter zweier Kinder aus Kiew. Vor wenigen Tagen noch hätte sie nicht gedacht, dass sich ihr Leben derart schnell ändern würde. Sie wisse nicht, was vor ihnen läge und der Gedanke an Freunde und Verwandte, die noch in Kiew sind, sei beängstigend.

In Münster seien am Mittwoch die ersten 24 Flüchtlinge aus der Ukraine eingetroffen, sagte der Leiter des Krisenstabes der Stadt, Wolfgang Heuer. Sie würden in städtischen Unterkünften untergebracht. Außerdem starten am selben Tag drei Busse, vollgepackt mit Hilfsgütern und Helfern. Ziel ist der Ort Krakowez an der polnisch-ukrainischen Grenze. Auf dem Rückweg wollen die Helfer bis zu 150 Flüchtlinge mit nach Münster nehmen. Die Stadt Münster hatte vorab angekündigt, dass Plätze in vorhandenen Unterkünften "bezugsfertig eingerichtet" worden seien.

Gleichzeitig rufen offenbar derart viele hilfsbereite Münsteraner bei der Stadt an, dass die Angebote "aktuell nicht mehr zu bewältigen" seien, sagte Stadträtin Cornelia Wilkens. Seit Mittwochmorgen gibt es eine Info-Hotline "Hilfe für die Ukraine" im Rathaus. Unter der Telefonnummer 0251/492-5560 werden Fragen beantworten und bei Bedarf auch Hilfsangebote angenommen. Unter www.stadt-muenster.de/ukraine findet sich außerdem ein FAQ mit den wichtigsten Fragen und Antworten für Helfende.

Jede Hilfe wird gebraucht

Auch in Wuppertal waren bis Donnerstag 300 Geflüchtete in privater Initiative angekommen. Bis zum Wochenende rechne die Stadt mit einem Anstieg auf 500 Personen. Die spontane Hilfsbereitschaft der Wuppertaler sei "riesig", sagte Oberbürgermeister Uwe Schneidewind. Über 350 Angebote gingen auf der extra geschalteten Hotline 0202 563-4450 bereits ein - "von Wohnraum über ehrenamtliche Betreuung bis hin zu Dolmetscher-Diensten". 

In Bonn müssten Unterkünfte für Ukraine-Flüchtlinge "zusätzlich zum Bestand" geschaffen werden, teilte die Stadt mit: Die vorhandenen Kapazitäten seien "weitestgehend erschöpft". Man versuche jetzt, durch "Umverteilung und verdichtete Belegung" weitere Plätze zu schaffen. Außerdem prüfe die Stadt weitere Gebäude auf Verfügbarkeit, Zustand und Nutzbarkeit.

Am Dienstag war hier eine ukrainische Familie angekommen, die Unterschlupf bei einem Unternehmer in Bad Honnef fand.

Auch in Ratingen setzt die Stadt auf private Hilfe: Wer Menschen aus der Ukraine eine Unterbringungsmöglichkeit anbieten kann, solle sich beim zuständigen Sozialamt unter 02102 / 550-5097 oder imf@ratingen.de melden, heißt es. Ebenso in Meerbusch, wo sich freiwillige Helfer unter krisenhilfe@meerbusch.de melden können.

"Nicht überstürzt handeln"

Grundsätzlich sei es aber wichtig, nun nicht überstürzt zu handeln, sagte Meerbuschs Bürgermeister Christian Bommers: "Wir werden schauen, wie viele Geflüchtete tatsächlich nach Meerbusch kommen werden und welche Bedarfe sich daraus bei uns noch ergeben".

Das Foto zeigt Kinder, die aus der Ukraine flüchten, in einem Zug sitzen und aus dem Fenster schauen

Flucht im Zug

Viele weitere Städte in NRW bereiten sich aktuell auf die Aufnahme von Flüchtlingen vor. In Krefeld können nach Angaben der Stadt 150 Schlafplätze in Notunterkünften sofort belegt werden. Die Krefelder Tafel wird gemeinsam mit der Stadt ab Donnerstag auch Abgabestelle für Sachspenden sein. Gebraucht werden vor allem Erste-Hilfe-Taschen, Ibuprofen und Paracetamol, Babynahrung in Gläschen, Schlafsäcke, Hygieneartikel (Zahnbürste und Zahnpasta, Windeln, Tampons, Binden). Die Spenden werden von Mitarbeitern der Stadt Krefeld, der Tafel und weiteren Freiwilligen verpackt und in der kommenden Woche an die ukrainisch-polnische Grenze gebracht.

Mönchengladbach hat bereits die ersten Flüchtlinge aufgenommen, dort gibt es derzeit rund 350 freie Plätze in Unterkünften.

Schulunterricht "schnell und flexibel"

Mit Blick auf die ukrainischen Kinder, die jetzt auf der Flucht keinen Schulunterricht mehr haben, hatte Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) bereits verkündet, NRW habe eine gute schulische Integrationsinfrastruktur, so dass Kinder und Jugendliche "schnell und flexibel" in den Schulen aufgenommen werden könnten.

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Über dieses Thema berichteten wir am 03.03.2022 auch im WDR Fernsehen: Aktuelle Stunde 18.45 Uhr.