Dramatischer Personalmangel in Kitas wegen Corona

Stand: 24.08.2021, 15:21 Uhr

Zwei neue Umfragen belegen einen schwerwiegenden Personalmangel in Kitas infolge der Pandemie. Gesetzlichen Vorgaben, etwa zur Aufsichtspflicht, könne nicht immer nachgekommen werden.

Von Sabine Tenta

Trotz starken Kitaplatz-Ausbaus ist die Personalausstattung in der Mehrheit der nordrhein-westfälischen Kindertageseinrichtungen weiterhin nicht ausreichend. Zu diesem Schluss kommt der "Ländermonitor Frühkindliche Bildung" der Bertelsmann-Stiftung. Drei von vier Kindern (77 Prozent) besuchten laut den am Dienstag vorgelegten Daten eine Kita-Gruppe mit einer Personalausstattung, die nicht kindgerecht sei. Die Daten stammen aus 2020.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Umfrage des "Verbands Bildung und Erziehung" (VBE) unter den Leitungen der Kitas. Anne Deimel, stellvertretende Vorsitzende des VBE NRW, sagte: "Mehr als 40 Prozent der befragten Kita-Leiterinnen und -Leiter in NRW geben an, dass sie in den zurückliegenden 12 Monaten in mehr als 20 Prozent der Zeit in Personalunterdeckung gearbeitet haben. Also mit weniger Personal, als es die Vorgaben, etwa zur Aufsichtspflicht, verlangen." Deimel fasste darum zusammen: "Es fehlt Personal, es fehlen Fachkräfte."

Die Ergebnisse der seit 2015 jährlich durchgeführten Umfrage des VBE Bundesverbands (u.a. in Zusammenarbeit mit dem NRW-Landesverband) wurden am Dienstag auf dem Deutschen Kita-Leitungs-Kongress in Düsseldorf vorgestellt. An der Umfrage beteiligten sich laut VBE 4.426 Kita-Leitungen aus ganz Deutschland, in NRW waren es rund 550. Insgesamt gibt es laut VBE 57.594 Kitas in Deutschland. Damit hätten sich 7,7 Prozent an der Umfrage beteiligt.

Auch die Eltern machen Arbeit

Nahezu jede zweite vom VBE befragte Kita (46,5 Prozent) gab an, dass der Corona bedingte Mehraufwand bei 30 Prozent liege. Fast in jeder dritten Kita gehörte zu den größten Problemen, dass sich Eltern nicht an die Corona-Vorgaben gehalten haben.

Noch problematischer ist für die Kita-Leitungen das Agieren der Landesregierung: 70,3 Prozent der Befragten bemängelten ständig wechselnde und/oder unklare Vorgaben und damit fehlende Planungssicherheit durch das Land.

Programm für Alltagshelferinnen ausgelaufen

Während im Bundesdurchschnitt nur 23 Prozent der VBE-Befragten angaben, in der Corona-Pandemie durch zusätzliches Personal unterstützt worden zu sein, waren es in NRW immerhin 40 Prozent. Hier hatte Landesfamilienminister Joachim Stamp (FDP) ein "Kita-Helfer-Programm" aufgesetzt.

Sogenannte Alltagshelferinnen und -helfer konnten das Fachpersonal in der Pandemie entlasten und Tätigkeiten wie Reinigen und Desinfizieren übernehmen. Der VBE begrüßt dies, betont aber zugleich, dass Fachpersonal nur unterstützt, aber nicht ersetzt werde. Das befristete Programm ist Ende Juli 2021 ausgelaufen.

Forderung nach Fortsetzung

Das nun anschließende Qualifizierungsprogramm sei ein guter Ansatz, Fachkräfte zu gewinnen, sagte Deimel. Aber es müssten "beide Programme unbedingt parallel weiterlaufen". Das fordert auch die SPD-Opposition im NRW-Landtag. Ihr familienpolitischer Sprecher Dennis Maelzer kritisierte: "In den letzten Jahren hat die Landesregierung leider viele Chancen vertan, um eine sinnvolle und nachhaltige Personaloffensive in der frühkindlichen Bildung voranzubringen."

Für Josefine Paul, familienpolitische Sprecherin der Grünen, ist das Qualifizierungsprogramm für die Helfenden ein "Etikettenschwindel". Die Ankündigung sei zu knapp gekommen, "um die notwendigen Vorbereitungen zu treffen und flächendeckend Plätze an den Fachschulen für interessierte Alltagshelferinnen und Alltagshelfer anbieten zu können". Auch Paul fordert eine Weiterführung des Helferprogramms, die Pandemie sei noch nicht vorbei, betonte sie.

Keine Überraschung - oder doch?

Anne Deimel, stellvertretende Vorsitzende von VBE NRW, stellt zum Personalmangel und der Pandemie-Belastung nüchtern fest: "Die Ergebnisse überraschen nicht." Immerhin: Trotz all der Widrigkeiten üben fast 90 Prozent der Befragten ihren Beruf gerne aus. Und das, obwohl sich fast 80 Prozent der Kita-Leitungen nicht hinreichend gewürdigt fühlen durch die Politik.

Weitere Themen