So wird die Arbeitslosenstatistik geschönt

So wird die Arbeitslosenstatistik geschönt

Von Christian Wolf und Beate Becker

Seit Jahren feiert sich die Politik für sinkende Arbeitslosenzahlen. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Die Statistik ist geschönt. Bestimmte Gruppen fallen einfach raus.

Gute Zahlen vom Arbeitsmarkt - daran hat man sich in den letzten Jahren fast schon gewöhnt. Wenn zum Monatsende die neuen Statistiken präsentiert werden, heißt es oftmals: "Arbeitslosenzahl geht erneut zurück". So auch diese Woche, als die April-Zahlen veröffentlicht wurden. 664.024 Menschen seien in NRW arbeitslos gemeldet gewesen, ein erneuter Rückgang.

Experte spricht von "Manipulation"

Prof. Dr. Stefan Sell

Arbeitsmarktexperte Stefan Sell

Alles gut also? Nicht ganz, sagt Arbeitsmarktforscher Stefan Sell. Er spricht von "Täuscherei" und "statistischer Manipulation". Die Politik halte die Zahlen bewusst niedrig. "Man will diese eine Zahl, die immer durch die Medien transportiert wird, möglichst kleinschreddern." Die tatsächliche Arbeitslosigkeit liege deutlich höher.

Arbeitslose und Unterbeschäftigte

Und tatsächlich gibt es neben der bekannten Zahl der Arbeitslosen noch einen weiteren Wert, der in den Statistiken auftaucht: die Unterbeschäftigung. Sie liegt in NRW aktuell bei 913.727 Personen. Gegenüber den rund 664.000 Arbeitslosen erweckt diese Zahl einen ganz anderen Eindruck.

Bestimmte Gruppen fallen raus

Doch wie kommt dieser Unterschied zustande? Bei der offiziellen Arbeitslosenzahl werden mehrere Gruppen nicht eingerechnet, die in einer anderen Rubrik, den Unterbeschäftigten, gezählt werden. Drei Beispiele:

  • Wer über 58 Jahre alt ist, länger als ein Jahr Hartz IV bekommt und seit einem Jahr kein sozialversicherungspflichtiges Jobangebot bekommen hat, gilt als nicht arbeitslos. Diese "Sonderregelung für Ältere" betrifft in NRW mehr als 45.000 Menschen.
  • Wer langzeitarbeitslos und sechs Wochen oder länger erkrankt ist, wird statistisch gesehen wieder zu einem "neuen" Arbeitslosen. Aus der Gruppe der Langzeitarbeitslosen fällt derjenige raus.
  • Gleiches gilt für langzeitarbeitslose Menschen, die an einer sechswöchigen Weiterbildung teilnehmen. Auch sie werden danach als Neuzugang gewertet. Zwar bekommen sie weiter Hartz IV. Aber aus Langzeitarbeitslosen werden wieder Kurzzeitarbeitslose.

Das Bundesarbeitsministerium erklärt das so:

"Bei längerfristigen Erkrankungen oder der Teilnahme an einer arbeitsmarktpolitischen Maßnahme liegt die Verfügbarkeit für die Vermittlungsaktivitäten der Agenturen für Arbeit und Jobcenter bzw. für die Aufnahme einer Tätigkeit über längere Zeit nicht vor, daher führen diese Episoden zu einem Ende der Dauerzählung."

Soll bedeuten: Der Langzeitarbeitslose beginnt seine Arbeitslosigkeit von vorne. Und weniger teure Langzeitarbeitslose brauchen weniger teure Hilfestellung für ihre Wiedereingliederung.

Wohlfahrtsverband übt Kritik

Eine Mitarbeiterin der Agentur für Arbeit nimmt  eine Akte aus dem Archiv

Nicht jeder Fall landet in der Arbeitslosenstatistik

Der Paritätische Wohlfahrtsverband erkennt dahinter Kalkül. Da die Betroffenen nicht in den Statistiken auffielen, werde auch weniger für deren Vermittlung getan, kritisiert NRW-Geschäftsführer Christian Woltering. Würden zum Beispiel Ältere zu den Arbeitslosen zählen, müssten die Hilfsgelder für diese Gruppe deutlich aufgestockt werden. Dafür fehle es aber am politischen Willen.

Stand: 29.04.2018, 06:00