Wankender Stahlriese: Was passiert mit Thyssenkrupp?

Ein Walzwerk

Wankender Stahlriese: Was passiert mit Thyssenkrupp?

Beim kriselnden Stahlkonzern Thyssenkrupp sind tausende Arbeitsplätze bedroht. Ein Verkauf ist im Gespräch. Ob das Land dem angeschlagenen Unternehmen helfen soll, war am Freitag Thema im Landtag.

Seit Thyssenkrupp vor einer Woche seine Jahresbilanz vorstellte, ist klar, wie dramatisch die Schieflage des traditionsreichen Stahlkonzerns ist. 11.000 Arbeitsplätze sollen nun abgebaut werden - bisher war von 5.000 die Rede gewesen. Vor allem die deutschen Standorte werde es treffen, wo 7.000 Jobs auf dem Spiel stehen - etwa jeder zweite davon in NRW, mit Werken in Duisburg, Bochum, Dortmund, Hohenlimburg und dem Siegerland.

Maßgeblich zur Krise beigetragen hat, da sind sich die meisten Experten einig, ein jahrelanges Missmanagement in der Konzernführung. Große Expansionen in Brasilien und den USA hatten sich als Fehler erwiesen. Die Corona-Pandemie soll der Stahlsparte von Thyssenkrupp jetzt noch zusätzlich Schlagseite verpasst haben.

Thyssen-Krupp – Legende am Abgrund

WDR 5 Profit - Topthemen aus der Wirtschaft 25.11.2020 06:04 Min. Verfügbar bis 25.11.2021 WDR 5


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Im Gespräch sind ein Verkauf der Stahlsparte an die Konkurrenz, aber auch staatliche Hilfen oder sogar eine Teilübernahme durch den Staat. Die Krise beim Stahl- und Industriekonzern war am Freitag Thema im Düsseldorfer Landtag.

Übernahme durch britische Konkurrenz?

Alarmstimmung herrscht bei der Opposition angesichts eines Übernahmeangebots des britischen Konzerns Liberty Steel. NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) hatte sich angetan von dieser Lösung gezeigt und das Angebot als "brauchbare Diskussionsgrundlage" bezeichnet.

Darauf hob der SPD-Abgeordnete André Stinka ab: Bei einer Übernahme durch Liberty Steel würden vielleicht Arbeitsplätze gerettet, allerdings zu dem Preis, dass die Angestellten künftig zu schlechteren Arbeits- und Gehaltsbedingungen arbeiteten. Das, so Stinka, sei für die SPD nicht akzeptabel.

Misstrauisch mache ihn auch, dass ein früherer Chef der Thyssenkrupp Stahlsparte, der für die Fehlinvestitionen in Brasilien verantwortlich sei, nun ausgerechnet im Vorstand beim Kaufinteressenten Liberty Steel sitze.

Ministerpräsident Laschet habe zwar öffentlich immer wieder finanzielle Unterstützung für den Stahlbereich bei Thyssenkrupp in Aussicht gestellt, sagte Stinka, sei dabei aber bislang "völlig vage geblieben". Die SPD forderte eine staatliche Beteiligung an zur Rettung von Thyssenkrupp.

Pinkwart contra Staatshilfen

"Die Probleme des Unternehmens werden nicht einfach mit einer staatlichen Beteiligung zu lösen sein", entgegnete Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP). Lediglich als kurzfristige Unterstützung des Unternehmens seien Gelder aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds in der Corona-Krise denkbar. Dazu müsse allerdings geprüft werden, ob Thyssenkrupp nicht schon vor Beginn der Pandemie sanierungsbedürftig war. Es liefen bereits Gespräche des Unternehmens mit dem Bund, die das Land begleite, sagte Pinkwart.

Der Grüne Matti Bolte-Richter forderte ein "Moratorium für weitere Werksschließungen", um Zeit zu gewinnen, eine "zukunftsfeste Perspektive" zu entwickeln. Die Landesregierung müsse gegen die akut drohende Schließung des Grobblechwerks bei Thyssenkrupp mit 800 Arbeitsplätzen kämpfen - möglicherweise mittels einer Landesbürgschaft.

Laschet "nicht nur Deko"

An den Ministerpräsidenten gewandt sagte Bolte-Richter, Laschet solle seine Funktion im Kuratorium der Krupp-Stiftung "endlich im Sinne der Beschäftigten nutzen". Sein Sitz dort sei "nicht nur Deko". Der Grüne bezeichnete die bisherige industriepolitische Bilanz der Landesregieurung als "verheerend": Die schwarz-gelbe Koalition habe die Windenergie "kaputt gemacht", das Thema E-Mobilität verschlafen, und auch die Wasserstoffindustrie finde mittlerweile in anderen Bundesländern statt. Mehr als Ankündigungen oder "pressewirksame Gipfel" sei bisher nicht geschehen.

Wirtschaftsweiser rät zu Staatshilfen

Die SPD-Abgeordnete Sarah Philipp zitierte den Wirtschaftsweisen Achim Truger, der sich kürzlich für staatliche Hilfe bei Thyssen Krupp ausgesprochen hatte. Als strategisch bedeutsame "Schlüsselindustrie" könne der Staat die Stahlbranche "schlecht fallen lassen", hatte Truger gesagt und eine kurzfristige Staatsbeteiligung empfohlen.

Für die AfD kritisierte der wirtschaftspolitische Sprecher Christian Loose, durch Atomenergie- und Kohleausstieg seien zwei Geschäftsfelder des Konzerns überhastet oder ideologisch zerstört worden. "Auch mit der Hilfe von dem Minister Herrn Pinkwart und dem Ministerpräsidenten Herrn Laschet. Die Menschen, die jetzt um ihren Arbeitsplatz fürchten, sind auch die Opfer Ihrer Politik", so Loose.

Thyssenkrupp: Stahlriese am Abgrund? die story 25.11.2020 43:53 Min. UT Verfügbar bis 25.11.2021 WDR Von Ingolf Gritschneder, Michael Heussen, Wolfgang Minder

Stand: 27.11.2020, 13:02