Kindesmissbrauch: Wer wird zum Sexualstraftäter?

Symbolfoto zum Thema Kindesmissbrauch: Durch zwei Beine in weitem Stand fällt der Blick auf ein Kind in der Ecke des Raumes, welches gegen die Wand blickt

Kindesmissbrauch: Wer wird zum Sexualstraftäter?

  • Mehrere Komplexe von Kindesmissbrauch in NRW
  • Es werden immer mehr Tatverdächtige ermittelt
  • Wer wird zum Sexualstraftäter?

Lüdge, Bergisch Gladbach und jetzt Münster - seit Januar 2019 haben die Ermittler drei Komplexe von Kindesmissbrauch in NRW bekannt gegeben. Insgesamt gibt es bundesweit bisher rund 100 Tatverdächtige.

"Missbrauchstäter sind Großmeister der Täuschung"

WDR 5 Morgenecho - Interview 09.06.2020 06:58 Min. Verfügbar bis 09.06.2021 WDR 5

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Welche Faktoren begünstigen, dass jemand sexuellen Kindesmissbrauch begeht? Fragen an die Ärztin Jutta Muysers, die in Langenfeld (Kreis Mettmann) Sexualstraftäter im Maßregelvollzug behandelt.

Jutta Muysers, Ärztliche Direktorin der LVR-Klinik Langenfeld

Jutta Muysers ist die Ärztliche Direktorin der LVR-Klinik Langenfeld. Als Chefärztin der Forensischen Abteilung ist sie für die Behandlung psychisch kranker Sexualstraftäter zuständig.

WDR: Frau Muysers, allein im bundesweiten Missbrauchsfall von Bergisch Gladbach sind bislang über 80 Tatverdächtige ermittelt worden. Sind das mutmaßlich alles Pädophile?

Jutta Muysers: Zumindest in dem Sinne, dass sie ein sexuelles Interesse an Kindern haben. Ohne die Personen gesehen und diagnostiziert zu haben, ist das aber schwer zu beantworten.

Allerdings: Da die Tatverdächtigen untereinander kommuniziert und Materialien ausgetauscht haben, muss der größte Teil von ihnen zumindest ein hohes pädophiles Interesse haben.

WDR: Wie unterscheiden sich Sexualstraftäter?

Muysers: Es gibt verschiedene Motivationen, warum ein Mensch sexuell übergriffig wird. Das Täterprofil muss in jedem Fall individuell abgeklärt werden. Aber es lassen sich verschiedene Tätertypologien unterscheiden.

Es gibt Täter, die abweichende sexuelle Muster haben wie zum Beispiel Pädophilie. Das ist eine psychiatrische Diagnose. Dabei ist die Lust ausschließlich auf Kinder fixiert. Die kann sich beispielsweise auf ein bestimmtes Alter oder Geschlecht beziehen. Einige davon haben durchaus auch selber sexuellen Missbrauch erlebt.

Es gibt aber auch Täter, die Probleme im Umgang mit Erwachsenen haben und deswegen auf kindliche Ersatzpartner zurückgreifen. In anderen Fällen spielt eine geistige Behinderung oder eine Persönlichkeitsstörung eine zusätzliche Rolle.

Die Täterprofile von Lügde und Bergisch Gladbach

WDR 5 Morgenecho - Interview 09.12.2019 06:44 Min. Verfügbar bis 08.12.2020 WDR 5

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WDR: Wie kann verhindert werden, dass jemand zum Täter wird?

Muysers: Es ist sehr schwer, im Vorfeld zu erkennen, wer eine Sexualstraftat begehen wird. Es gibt zwar Präventionsprogramme wie das bundesweite Projekt "Kein Täter werden". Da müssen Pädophile von sich aus aktiv werden und sagen: Ich bin gefährdet, ich muss in Behandlung.

Aber nur ein kleiner Teil tut das auch. Die Täter werden meistens erst nach ihren Straftaten identifiziert. Vielen fehlt das Unrechtsbewusstsein für ihr Tun.

Deshalb ist es wichtig, die potenziellen Opfer zu sensibilisieren und Verdachtsmomente ernst zu nehmen. Eltern sollten ihren Kindern beibringen, nicht mit fremden Männern zu sprechen oder mitzugehen - denn die meisten Täter sind Männer. Und Kinder sollten ermutigt werden, Vorfälle sofort zu melden.

Kindesmissbrauch in Münster: "Aufklären und informieren"

WDR 5 Morgenecho - Interview 08.06.2020 06:31 Min. Verfügbar bis 08.06.2021 WDR 5

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WDR: Können Sexualstraftäter therapiert werden?

Muysers: Die Gruppe, bei der die Taten eine Ersatzhandlung sind, kann man sicherlich behandeln. Man kann sogar geistig Behinderte in die Lage versetzen, erwachsene Partner zu finden.

Sexualstraftäter, die auf Kinder als Sexualobjekte fixiert sind, können hingegen nicht therapiert werden. Sie können nicht plötzlich Erwachsene attraktiv finden. Sie können lediglich Kontrolle über ihre Neigung erlangen. Das wird zum Beispiel beim Programm "Kein Täter werden" eingeübt. Aber es bleibt immer ein Risiko.

WDR: Der Begriff Pädophilie ist umstritten, weil damit im Wortsinn eine Liebe zum Kind vorgetäuscht werde. Besser sei der Begriff Pädosexualität. Wie sehen Sie das?

Muysers: Der Begriff Pädosexualität beschreibt das Problem viel besser: Dass die Sexualität auf Kinder statt auf erwachsene Menschen ausgerichtet ist.

Der Begriff Pädophilie ist allerdings so gebräuchlich, dass es aus Gründen der Verständlichkeit schwer ist, ihn überhaupt nicht mehr zu verwenden.

Das Interview führte Dominik Reinle.

Kindesmissbrauch in NRW Westpol 07.06.2020 UT DGS Verfügbar bis 07.06.2021 WDR

Stand: 09.06.2020, 06:00