Verkehrssicherheit: Risiko durch ältere Pkw-Fahrer

Seniorin am Steuer

Verkehrssicherheit: Risiko durch ältere Pkw-Fahrer

  • Zahl der Autounfälle mit Senioren über 75 steigt in NRW
  • Experten fordern verbindliche Fahrtauglichkeits-Tests
  • Bundesverkehrsministerium sieht keinen Handlungsbedarf

9. Oktober 2018. Eine Landstraße bei Detmold. Hier war der neunjährige Julian mit seinem Bruder und seinen Eltern mit dem Rad unterwegs. Eine 85-jährige Autofahrerin überholte sie. Plötzlich zog sie nach rechts - und rammte Julian vom Rad. Er starb noch an der Unfallstelle. Seitdem fragt sich die Familie: Wie konnte es zu diesem Unfall kommen?

Steigende Unfallzahlen

Insgesamt steigt die Zahl der Unfälle mit Senioren. Allein in NRW gab es im vergangenen Jahr 7.980 Unfälle mit Toten oder Verletzten, an den Personen über 75 beteiligt waren. 2014 hatte die Zahl noch bei 6.566 gelegen.

Erst in dieser Woche ist es wieder passiert. Mönchengladbach am Donnerstag (21.11.2019): Eine 81-Jährige verwechselte Gleise und Straße. Sie konnte im letzten Moment aus dem Auto gerettet werden. Dann prallte der Zug gegen den Wagen. Drei Menschen müssen mit leichten Verletzungen ins Krankenhaus, der Zug wurde evakuiert.

Verkehrsforscher sehen die Bundesregierung in der Pflicht zu handeln - sie sagen: Ab 75 Jahren wird Autofahren immer riskanter. Eigentlich müssten verbindliche Fahrtauglichkeits-Tests her. Denn Studien der Unfallforschung der Versicherer zeigen: Fahrer über 75 sind die gefährlichste Risikogruppe. Sie sind noch häufiger als Fahranfänger für die Unfälle verantwortlich, an denen sie beteiligt sind. Doch passiert ist bisher nichts.

Tests bisher nur freiwillig

"Die Politik traut sich nicht, an dieses Problem wirklich ranzugehen", sagt der Duisburger Verkehrsforscher Michael Schreckenberg. Politiker fürchteten den Wähler, wenn man Tests zum Beispiel alle fünf Jahre für ältere Fahrer verpflichtend einführen würde. Darum sind solche Fahrtauglichkeitstests im Alter bisher nur freiwillig.

Siegfried Brockmann

Unfallforscher Siegfried Brockmann

Aus dem Bundesverkehrsministerium heißt es seit Jahren: Senioren am Steuer sind keine auffällige Gruppe. Wie kann das sein? Siegfried Brockmann, Unfallforscher beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft: "Tatsächlich halte ich das für einen Trick, denn man schönt die Zahlen." Denn die Gruppe der Senioren werde von 65 an bewusst groß gefasst. 65-Jährige bis 75-Jährige seien aber kaum in Unfälle verwickelt. Das beschönige die Statistik.

Brockmann sieht dringenden Handlungsbedarf, da sich die Gruppe der sehr alten Fahrer in den kommenden Jahren "dramatisch vergrößern" werde. Denn von den Menschen, die jetzt alt werden, hätten immer mehr einen Führerschein. Das gilt besonders für Frauen, für die in früheren Zeiten Autofahren durchaus nicht selbstverständlich war.

Jeder darf Autofahren, solange er möchte

Doch erst mal bleibt es dabei: Jeder darf Autofahren, solange er möchte. Und gefährdet damit im schlimmsten Fall sich und andere.

Die Familie des tödlich verunglückten Julian startete im Netz eine Petition. Sie fordern verbindliche Fahreignungstests für Senioren. Denn sie verstehen nicht, dass alte Menschen weiter ohne regelmäßige Tests am Steuer sitzen dürfen.

Stand: 24.11.2019, 06:30