Schule - wie geht es weiter in NRW?

Eine Schülerin schreibt "Abitur" auf eine Tafel

Schule - wie geht es weiter in NRW?

Von Nina Magoley

  • Unterricht ab Donnerstag für manche Schüler
  • Bald wieder Schule für Viertklässler
  • Vermutlich kein Sitzenbleiben

Gerade der Lebensbereich Schule spiele eine wichtige Rolle bei einer "behutsamen Wiederherstellung von Normalität", sagte NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP). Die dazu geplanten Schritte stellte sie am Donnerstag (16.04.2020) im Schulausschuss des Landtags vor. Fest steht: Die Abiprüfungen finden trotz Corona wie geplant statt.

Was passiert wann?

Am kommenden Montag (20.04.2020) sollen die weiterführenden Schulen wieder öffnen - zunächst aber nur für das Lehrpersonal. Drei Tage später, am Donnerstag (23.04.2020), geht es dann auch für die Schüler weiter.

Präsenzpflicht gilt für Schüler der 10. Abschlussklassen an Hauptschulen, Realschulen und Förderschulen sowie für Schüler der Abschlussklassen an Berufsschulen. Den Abiturienten an Gymnasien bleibt es freigestellt, ob sie am Unterricht teilnehmen wollen oder nicht.

Am 4. Mai dürfen dann - vorausgesetzt, die Infektionszahlen lassen das zu - auch Grundschüler der vierten Klasse wieder unterrichtet werden. Damit sollen diese Kinder so gut wie möglich auf den bevorstehenden Wechsel auf eine weiterführende Schule vorbereitet werden.

Bis zu den Sommerferien sollen sukzessive alle Schüler NRWs wieder zur Schule gehen können - wenn auch mit geringerer Stundenzahl und geändertem Stundenplan. "Ausnahmsweise und einmalig" sei ausgeschlossen, dass Kinder in der Erprobungszeit - der fünften oder sechsten Klasse - sitzenbleiben, so Gebauer.

Wenig später teilte das Schulministerium NRW mit, dass diese Regelung für alle Jahrgänge gelten solle. Dies müsse der Landtag aber noch beschließen.

Schulministerin Gebauer über Schulöffnungen

WDR Studios NRW 16.04.2020 06:01 Min. Verfügbar bis 16.04.2021 WDR Online

Prüfungen an Haupt-, Real- und Gesamtschulen

Auf die zentrale Prüfung nach der zehnten Klasse (ZP 10) wird in diesem Jahr in NRW an Haupt-, Real-, Sekundar- und Gesamtschulen verzichtet. Stattdessen sollen die Lehrkräfte der Schulen eine Klassenarbeit schreiben lassen, die stärker auf den tatsächlich erteilten Unterricht Bezug nimmt. Die Fristen können verschoben werden.

Auch auf das sonst übliche Abschlussverfahren mit Vornoten und Abweichungsprüfungen wird ausnahmsweise verzichtet. In verkleinerten Klassen soll es ein "angepasstes Lehrangebot" geben, das sich vor allem auf die Kernfächer konzentriert.

Die Schulministerin begründete das damit, dass es "nicht fair" sei, wenn Schüler, deren Schulen seit dem 16. März geschlossen sind, jetzt schon lange vorbereitete und landesweit einheitliche Prüfungsaufgaben lösen müssten.

Die nordrhein-westfälische Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP).

Zentralabi "nicht fair": NRW-Schulministerin Gebauer

Nicht alle Inhalte seien in der verbliebenen Zeit behandelt worden: "Es fehlen vier bis fünf Wochen Unterricht" mit vertrauten Lehrkräften und im üblichen Klassenverband. Daher verzichte man auch auf Vornoten und Abweichungsprüfungen.

Abitur an Gymnasien

Für die Abiturienten findet die erste Abiprüfung planmäßig am 12. Mai statt. In den verbleibenden Unterrichtstagen sollen sie sich "gezielt" in ihren Prüfungsfächern in der Schule vorbereiten können. Optional könnten Schüler aber auch zu Hause lernen. Verpasste Vorabiklausuren können vor dem 12. Mai nachgeschrieben werden.

Förderschulen bleiben vorerst zu

In NRW bleiben die Förderschulen laut Yvonne Gebauer zunächst geschlossen, auch wenn das Beschlusspapier des Bundes und der Länder nicht auf diesen Schultyp eingehe. Eine Ausnahme stellten die Förderschulen für Schüler mit körperlicher Behinderung dar, die ebenfalls vor ihren Abschlussprüfungen stehen. Auch ihnen wird "die Möglichkeit gegeben, ihre Prüfungen abzulegen", so Gebauer.

Was tun gegen die psychische Belastung?

Gebauer ging auch auf die nicht unerheblichen psychologischen Auswirkungen der Corona-Krise auf alle Beteiligten ein: Sowohl unter Schülern als auch unter den Lehrer hätten einige den Verlust Familienangehörigen oder auch Gewalt und Konflikte innerhalb der Familie erlebt. Die häusliche Isolation von Freunden könne ebenfalls nachhaltige Auswirkungen auf den Schulalltag haben "und sich zu Krisen entwickeln".

Im sogenannten "Notfallordner" hätte jede Schulen Hinweise zum Umgang mit solchen Situationen. Schulpsychologen müssten sich aber dennoch vorbereiten. Der Schulpsychologische Dienst, den es in jeder Stadt und jedem Kreis gibt, stehe Schülern, Eltern und Lehrpersonal mit kostenloser Beratung zur Verfügung.

Ein umfassendes Unterstützungsangebot, das Beispielpläne für die ersten Unterrichtstage enthält, aber auch Hinweise zu psychologischen Aspekten und einen Videoclip mit Antworten auf zentrale Fragen soll Schulen helfen, diese Krisensituation zu bewältigen.

Virtuelles Klassenzimmer bleibt - die Probleme damit auch

Stühle stehen in einem Klassenzimmer in einer Grundschule auf den Tischen

Viele Schüler bleiben weiterhin zuhause

Für die vielen Schüler, die nach den neuen Beschlüssen erstmal nicht in die Schule zurückkehren können, soll es weiterhin die Möglichkeit des Digitalen Unterrichts oder Aufgaben für Zuhause geben. Gebauer räumte allerdings ein, dass längst nicht alle Schulen entsprechend ausgestattet seien - sie nannte es eine "heterogene Schullandschaft".

Nach Auskunft der Landesschülervertretung funktioniert der virtuelle Unterricht nur mäßig bis gar nicht. Die eingesetzten Internetplattformen würden regelmäßig "kollabieren, wenn tatsächlich mal mehrere Klassen oder gar Jahrgangsstufen gleichzeitig versuchen, in die 'virtuellen Klassenzimmer' zu gelangen". Außerdem verfüge längst nicht jeder Schüler zuhause über einen ruhigen Arbeitsplatz mit Computer, schnellem Internetzugang und Drucker.

Diese "Erfahrungen werden auch über die Krise hinaus Bestand haben", sagte Gebauer. Fakt aber sei: Leistungen, die wegen der geschlossenen Schulen zuhause entstehen, würden nicht bewertet. Nur gute Leistungen während des Lernens auf Distanz hingegen würden in spätere Bewertungen mit einbezogen.

Lehrer reagieren uneins

Der NRW Lehrerverband (NRWL) begrüßt die Entscheidung, Schulen erst ab 4. Mai wieder zu öffnen. Sie bräuchten Vorlaufzeit, um die geforderten hygienischen Standards umzusetzen, sagte Verbandspräsident Andreas Bartsch. Vielerorts müssten Seifenspender, Desinfektionsmittel oder Papierhandtücher erst einmal beschafft werden. Der NRWL erwarte zudem, dass die Gesundheitsämter die hygienischen Bedingungen in den Schulen regelmäßig überprüfen.

Schulstart und Hygiene an Grundschulen

WDR 5 Morgenecho - Interview 16.04.2020 06:07 Min. Verfügbar bis 16.04.2021 WDR 5

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Seinem Eindruck nach wolle eine Mehrheit der Schüler die Abiturprüfungen planmäßig ablegen. "Ein Notabitur ohne Prüfungen ist für den weiteren Berufsweg und für Bewerbungen sicher nicht förderlich."

Ganz anders sieht es die Bildungsgewerkschaft GEW in NRW: Unter diesen Umständen am Abitur festzuhalten sei "absolut falsch" und führe zu einer extremen Benachteiligung der Schüler durch die Krise, sagte die GEW-Landesvorsitzende Maike Finnern dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Alle Prüfungen sollten demnach ausfallen, Abschlüsse auf der Grundlage bisheriger Leistungen vergeben werden.

Schüler fordern freie Wahl

Die Landesschülervertretung fordert, dass alle Schüler die freie Auswahl haben sollten zwischen einer solchen Lösung und einer regulären Abiprüfung. Beide Entscheidungen sollen dabei gleichwertig behandelt werden.

Die Fokussierung auf Abschlussklassen sei falsch, kritisieren auch der Grünen-Fraktionschef Arndt Klocke und der Grünen-Landesvorsitzende Felix Banaszak. Das Abitur und die Abschlüsse nach der 10. Klasse sollten in diesem Jahr nach Meinung der Grünen "ohne Abschlussklausuren auf der Grundlage der Durchschnittsnoten vergeben werden". Dass Schüler ab kommender Woche wieder in die Schulen kommen sollen, "ohne dass Infektionsschutzmaßnahmen überall vor Ort gewährleistet sind, halten wir angesichts des extrem kurzen Vorlaufs für fahrlässig".

Der schulpolitische Sprecher der AfD im Landtag, Helmut Seifen, lobt die Entscheidung, die Schulen langsam wieder zu öffnen und die Prüfungen stattfinden zu lassen. Damit schere die Landesregierung "nicht aus dem Konsens der Länder".

Stand: 19.04.2020, 17:00