Rechtsterrorismus: Jung, männlich, international

Trauernde haben an der Mauer der Synagoge Blumen niedergelegt und Kerzen angezündet.

Rechtsterrorismus: Jung, männlich, international

Von Thomas Drescher

  • Fachtagung über Rechtsextremismus beleuchtet ideologische Hintergründe
  • Neue Rechtsextreme sind international vernetzt
  • Terroristen durch Verschwörungstheorien geeint

Der neue Terror von Rechts ist international. Das zeigt nicht nur die Verteilung von Anschlagsorten auf dem Globus: Norwegen, Neuseeland, USA - und Deutschland. Die Täter sind verbunden durch gemeinsame Ideen. Und um diesen ideologischen Hintergrund der Rechtsextremen ging es bei einer Fachtagung am Montag (4.11.2019), zu der NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) über 200 Fachleute nach Düsseldorf eingeladen hatte.

Bevölkerungsaustausch

Peter R. Neumann - Politikwissenschaftler am King´s College in London, Extremismus-Experte

Extremismusforscher Peter Neumann

Eine zentrale Idee handelt vom "Großen Austausch". "The Grand Replacement" nannte Brenton Terrant, der Rechtsterrorist von Christchurch, das Schreiben, mit dem er seine Taten begründete. "Le Grande Replacement" nannte es der französische Vordenker der Rechtsextremen, Renaud Camus, in seinen Schriften. Manche Vertreter der AfD sprechen von Umvolkung.

Die Begriffe umschreiben eine Verschwörungstheorie, erklärte der Extremismusforscher Peter Neumann vom Londoner King´s College. Danach hätten sich die politischen Eliten gegen ihre eigenen Völker verschworen mit dem Ziel, allmählich die Bevölkerungen auszutauschen: gegen Zuwanderer mit vielen Kindern, Flüchtlinge, Asylbewerber.

Es gehe dabei um ausreichendes "Menschenmaterial" für die Wirtschaft und letztlich um reines Profitinteresse.

Bewaffneter Kampf

Viele Rechtsextreme glauben, dies führe zwangsläufig in einen Bürgerkrieg. Und da die weißen Europäer (Amerikaner, Australier oder Neuseeländer) gerade noch in der Mehrheit seien, müsse man jetzt in den bewaffneten Kampf gegen den eigenen biologischen Untergang ziehen.

Dies glaubte der Norweger Anders Breivik (77 Opfer) ebenso wie der Schüler David S., der in München neun Menschen, meist Sinti erschoss; Brenton Terrant in Christchurch (51 Tote) glaubte daran, wie Patrick Cusius in El Paso (22 Tote). Oder der mutmaßliche Attentäter von Halle (2 Tote). Und wahrscheinlich Stephan B., der geständige Attentäter des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke.

Konkrete Gefahr von Rechts

WDR 5 Westblick - aktuell 04.11.2019 04:33 Min. Verfügbar bis 03.11.2020 WDR 5

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Jung, männlich, international - und allein

Der neue Tätertypus, der sich existenziell von Fremdheit bedroht und deshalb zum Handeln berufen fühlt, ist praktisch immer männlich, jung, sozial isoliert. Aber nicht einsam. Über Foren sind die jungen Männer international vernetzt. Sie wollen sich mit ihren Taten gegenseitig zur Nachahmung inspirieren. Der Christchurch-Attentäter berief sich auf den Norweger Anders Breivik, der Attentäter von Halle wollte wiederum den Überfall auf die Moscheen in Neuseeland kopieren.

Und es geht um Anerkennung der Gesinnungsgenossen, um den Beifall des virtuellen Publikums. Deshalb würden die Anschläge live ins Netz übertragen, alles inspiriert durch die Anmutung von Egoshooter-Spielen. Von der "Gamifizierung des Terrors" ist die Rede.

Egal, ob auf Muslime, auf Juden, auf Latinos oder auf Vertreter der verräterischen Eliten geschossen wird: ideologisch sind alle Taten kompatibel. Bedroht sind ja immer die Weißen.

Größte Gefahr

Innenminister Herbert Reul nannte den Rechtsextremismus die größte Gefahr für die Sicherheit - neben dem Islamismus. Dieses Problem, fügte er selbstkritisch hinzu, habe man lange nicht ernst genug genommen.

Stand: 04.11.2019, 18:10