Tönnies und Corona

Westpol 20.02.2022 28:56 Min. UT DGS Verfügbar bis 20.02.2023 WDR

Verkürzte Quarantäne: Empörung über Spezialfall Tönnies

Stand: 21.02.2022, 16:09 Uhr

Bei Tönnies durften positiv getestete Mitarbeiter schon nach kurzer Quarantäne wieder arbeiten - mit Wissen des Gesundheitsamtes und des Landesgesundheitsministeriums. Die Opposition spricht von einer "Extrawurst".

Von Christoph Ullrich

"Keine Erzieherin, keine Lehrerin, kein Mitarbeiter bei Werkstätten angepasster Arbeit wird nach zwei Tagen aus der Quarantäne entlassen", sagt der SPD-Politiker Josef Neumann zu dem Fall.

Bei der größten Oppositionspartei ist man sichtlich empört über die Westpol-Recherchen. Die hatten ergeben: Mitarbeiter der Fleischfabrik Tönnies konnten sich schon binnen 48 Stunden aus Quarantäne und Isolation freitesten. Eigentlich war das zu diesem Zeitpunkt frühestens nach sieben Tagen möglich.

So bekam das Unternehmen wohl eine privilegierte Behandlung durch das Gütersloher Kreisgesundheitsamt. Das zuständige Ministerium von Arbeits- und Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) war dabei über diese Regelung informiert.

SPD und Grüne fordern Sonderbericht zur "Extrawurst"

Deshalb, so die SPD, müsse Laumann alles auf den Tisch legen. Auch "wenn man es irgendwie erklären kann, verstehen kann man es nicht", so die SPD-Politikerin Lisa-Kristin Kapteinat. Daher habe man von der Landesregierung für den kommenden Gesundheitsausschuss einen Sonderbericht angefordert. Da dieser erst im März ist, behalte man sich auch vor, eine Sondersitzung des Landtagsgremiums zu beantragen.

Den Grünen-Politiker Mehrdad Mostofizadeh macht der Vorgang "sprachlos". In einer Stellungnahme schreibt er, dass Tönnies "wieder einmal eine Extrawurst gebraten bekommt - zulasten des Arbeitsschutzes der Mitarbeitenden." Die Landeschefin der Grünen, Mona Neubaur, spricht von einem schwerwiegen Vorwurf, der aufgeklärt werden müsse. "Gerade auch deshalb, weil eine unverhältnismäßige Nähe zwischen dem Unternehmen und der Landesregierung schon in der Vergangenheit immer wieder Thema war", so Neubaur.

Auch die Grünen wollen deshalb - wie die SPD - einen Sonderbericht des Gesundheitsministeriums. Die Glaubwürdigkeit der Corona-Politik insgesamt stehe auf dem Spiel, heißt es aus beiden Parteien.

AfD ebenfalls empört

Auch bei der AfD ist man verwundert über die Regelungen bei Tönnies. NRW-Parteichef Martin Vincentz erklärt auf WDR-Anfrage, dass der Vorgang mehr als verwunderlich sei. Es entsteht "unweigerlich der Eindruck, dass nicht für alle die gleichen Gesetze gelten", so Vincentz. Ebenso wie die SPD fordert die AfD von der Landesregierung deshalb eine schnelle Aufklärung.

Gütersloher Landrat spricht von Humbug, Ministerium reagiert

Der Gütersloher Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) widerspricht den Vorwürfen und nennt sie "Humbug". Er sagte, was man getan habe, sei "in völliger Übereinstimmung mit dem Ministerium in Düsseldorf passiert." Es gebe daher keine privilegierte Behandlung für die Firma Tönnies. Derzeit versuche man, den Tippgeber für die Medien-Berichterstattung zu identifizieren. Er vermute, dass es sich um einen unzufriedenen Mitarbeiter oder eine entsprechende Mitarbeiterin handelt.

In einer Stellungnahme des Gesundheitsministeriums heißt es, dass man in den Fall eingebunden war und keine Bedenken hatte. Allerdings liege die letztendliche Entscheidung des zuständigen Gesundheitsamtes in seiner "fachlichen Entscheidungshoheit und ist mit dem Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Soziales nicht vorab abzusprechen."