Corona-Expertenrat: "Politik hat auf viele Ratschläge nicht gehört"

Tafel mit Aufschrift "Vierte Welle".

Corona-Expertenrat: "Politik hat auf viele Ratschläge nicht gehört"

Von Mathea Schülke und Sebastian Auer

Seit dieser Woche gelten in NRW verschärfte Corona-Regeln. Lockdown und Impfpflicht sind keine Tabus mehr. Doch es hätte nicht so weit kommen müssen, sagen Mitglieder des ehemaligen Expertenrats.

Im Juni kam der Corona-Expertenrat der NRW-Landesregierung zuletzt zusammen und gab der Politik "Hausaufgaben" auf. Schon im Sommer sollte sie Vorkehrungen für eine mögliche vierte Welle im Herbst und Winter treffen. Der Virologe Hendrik Streeck, einer der zwölf Fachleute aus unterschiedlichen Bereichen, kritisiert diese Woche gegenüber Westpol: "Das ist leider nicht befolgt worden."

Sommer nicht genutzt

So hatte der Expertenrat beispielsweise darauf hingewiesen, "dass eine aufmerksame Vorbereitung und Sensibilität in diesem Sommer das Risiko womöglich drastischer Maßnahmen im Herbst und Winter minimieren kann".

Das sei "nicht gelungen", konstatiert ein weiteres Mitglied des Corona-Expertenrates, der Psychologe Stephan Grünewald. Die Politik, aber auch die Medien und viele Bürger, hätten im Sommer Corona buchstäblich verdrängt und jetzt seien wir "bitter auf dem falschen Fuß erwischt und das ist umso schmerzlicher, als es vorhersehbar war".

Auch bei vielen niedergelassenen Ärzten ist die Wut auf Bund und Land mittlerweile groß. Der Mülheimer Allgemeinmediziner Daniel Heinemann spricht sogar von einem politischen "Komplettversagen". Die Politik agiere in der Krise "hektisch und auf Sicht". 

Die meisten Gesundheitsämter weiterhin nicht digital

Zwei telefonierende Mitarbeiterinnen des Gesundheitsamts

Auch eine zweite wichtige Empfehlung des Expertenrates wurde nicht umgesetzt: die Digitalisierung der Gesundheitsämter zur verbesserten Kontaktnachverfolgung. Nur 14 der landesweit 53 Gesundheitsämter sind mit der Software "SormasX" vernetzt. Kontaktnachverfolgung über die Stadtgrenzen hinweg läuft in der Regel weiterhin per Fax und Telefon.

Auch in Essen. Gesundheitsdezernent Peter Renzel sagt auf Westpol-Anfrage, dass vom Softwareentwickler keine technische Lösung angeboten worden sei, das städtische Computerprogramm mit "SormasX" zu verbinden. Seit Monaten weisen die Kommunen auf diese Schwierigkeit hin.

Digitalisierung erst im kommenden Jahr

Das NRW-Gesundheitsministerium teilt dazu mit, dass die Kritik der Kommunen bekannt sei. Weil es inzwischen noch zusätzliche technische Schwierigkeiten gibt, hat sogar der Softwareentwickler die weitere Verbreitung von "SormasX" gestoppt. Im NRW-Gesundheitsministerium gehen sie davon aus, dass es noch bis ins nächste Jahr dauern wird, bis alle Gesundheitsämter digital vernetzt sind.

NRW und Deutschland befinden sich nun bald zwei Jahre in der Pandemie - und werden weiterhin von vielen Entwicklungen so kalt erwischt wie am Anfang. Bei Psychologe Stephan Grünewald, dem Mitglied des NRW-Expertenrats, bleibt da am Ende nur Resignation: "Es wäre wünschenswert gewesen, wenn man unsere Empfehlungen viel stärker berücksichtigt hätte."

Nachgehakt Sormas WDR 04.07.2021 UT DGS Verfügbar bis 04.07.2022 WDR

Stand: 28.11.2021, 08:35