Gasflamme

Pro und Contra: Kommt NRW ohne russisches Gas aus?

Stand: 03.03.2022, 16:31 Uhr

NRW-Wirtschaftsminister Pinkwart will raus aus der Abhängigkeit vom russischen Gas - durch Atomkraft. Der Grüne Reiner Priggen hält die Idee für absurd. Und aus Afrika kommen Angebote für Flüssiggas.

Von Henrik Hübschen und Nina Magoley

NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) hatte zu Beginn der Woche die Parole ausgegeben, dass NRW unabhängig von den Energielieferungen aus Russland werden soll. Gleichzeitig will Wüst aber am Ziel festhalten, schon 2030 aus der Kohle auszusteigen.

Derzeit kommt etwa die Hälfte des in Deutschland verbrauchten Erdgases aus Russland. 27 Prozent kommen aus Norwegen, 21 Prozent aus den Niederlanden. Innerhalb der Europäischen Union ist Deutschland mit 55,6 Milliarden Kubikmetern der größte Importeur von Erdgas aus Russland.

Käme NRW auch ohne Gas aus Russland aus? Und wäre das sinnvoll?

CONTRA: "Gasreserven halten nur bis zum Sommer"

Einen freiwilligen, sofortigen Lieferstopp als Sanktionsmaßnahme gegen die russische Regierung hält NRW-Energieminister Andreas Pinkwart (FDP) für riskant: Die deutschen Gasreserven würden nur dann bis zum Sommer halten, wenn im März und April milde Temperaturen herrschten. "Sonst kann es schon in den nächsten Monaten tatsächlich eng werden."

Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart im Westpol-Studio

Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart im Westpol-Studio

Dass man mit dem weiteren Bezug von Gas den russischen Krieg mitfinanziere, sei ihm bewusst: "Man muss abwägen, welche Belastungen man in der Lage ist, auf sich zu nehmen. Die Folgen wären gravierend: Für die Versorgung der Unternehmen, der Haushalte, aber vor allem für die Preisentwicklung." 

Doch Pinkwart hat einen Plan, wie NRW unabhängig vom russischen Gas werden könnte: Er setzt auf Atomenergie - und will dafür den vereinbarten Atomausstieg in Deutschland verschieben. Das erklärte er im Interview "Westpol Eins zu Eins".

Lieber Atomausstieg verschieben als Kohleausstieg

Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart im Westpol-Studio

Eigentlich sollen die letzten drei deutschen Atommeiler Ende 2022 für immer vom Netz gehen. Doch nach einer technisch und rechtlich notwendigen Pause könnten die deutschen Atomkraftwerke dann Ende 2023 wieder ans Netz gehen, so Pinkwart: "Wir können die drei AKW inklusive aller Planungs- und Überprüfungsthemen so wieder in Betrieb nehmen, dass wir in etwa Ende des nächsten Jahres diese Kraftwerke dann weiter nutzen können. Bis Ende der Zwanziger Jahre. Das sind 4,3 Gigawatt. Das sind eine ganze Menge umweltfreundlicher Energie." Sein Argument: Wenn die Atomkraftwerke weiterliefen, könnten die noch aktiven Braunkohlekraftwerke planmäßig abgeschaltet werden.

Und Pinkwart weist darauf hin, dass die europäischen Nachbarn - Belgien, Niederlande, Frankreich - die Laufzeiten ihrer Atomkraftwerke in den letzten Monaten und Jahren bereits verlängerten, oder das vorhätten. "Wir können das auch tun", sagt er, und argumentiert dann mit Klimaschutz: "Da muss man sich jetzt mal ehrlich machen: Will man Klimaschutz oder will man sich herausreden?"

Langfristig rate er privaten Immobilienbesitzern, umzurüsten - zum Beispiel auf Wärmepumpen, "um sich generell unabhängiger und auch nachhaltiger aufstellen zu können". Der Bund müsse dafür in den nächsten Monaten entsprechende zusätzliche Förderprogramme auflegen und weitere Mittel bereitstellen, fordert Pinkwart. Aktuell heizt jeder zweite deutsche Haushalt noch mit Gas.

PRO: "Gas geben beim Ausbau der Erneuerbaren"

"Wir werden ohne russisches Gas auskommen müssen", sagt Reiner Priggen, Chef des Landesverbands Erneuerbare Energien LEE NRW. Die Idee einer Verlängerung der Atomkraft für mehr Unabhängigkeit vom Gas hält der ehemalige Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag jedoch für "völlig absurd".

Der Grünen-Politiker Reiner Priggen

Reiner Priggen: "Mit Atomkraft kann man nicht heizen"

Er erinnert an den mühsam errungenen Kompromiss für den Atomausstieg Ende 2022. Eine spontane Verlängerung wäre kaum umsetzbar, meint Priggen: Einerseits seien mit dem Ausstiegsabkommen konkrete wirtschaftliche Berechnungen verbunden: "Wer soll denn den zusätzlich anfallenden Atommüll, die Einlagerung, die Brennstäbe bezahlen?" Dafür gebe es keine Kalkulation. Auch sei unwahrscheinlich, dass die Hersteller der Brennstäbe so schnell liefern könnten.

Andererseits ließe sich die Lücke durch ausbleibendes russisches Gas kaum mittels Atomkraft schließen: "Gas wird überwiegend zum Heizen eingesetzt." Die vielen Wohnungen, die ihre Wärme per Gasetagenheizung bekommen, könnten mit Atomkraft nicht versorgt werden. Statt dessen sei angesagt: "Richtig Gas geben beim Ausbau der Erneuerbaren Energien."

Für den Übergang müsste Deutschland dann Flüssiggas aus Ländern wie Katar oder Trinidad kaufen und schnellstmöglich LNG-Speicher dafür bauen. "Jetzt rächt sich, dass Deutschland das einzige europäische Industrieland ohne LNG-Terminal ist." Gerade hat die Bundesregierung für 1,5 Milliarden Euro Flüssiggas in den USA eingekauft.

Sollte es zu einer Notsituation bei der Energieversorgung kommen, müsse man abwägen: Gefährliche Atomkraftwerke weiter laufen lassen oder einzelne Kohlekraftwerke "in Sicherheitsbereitschaft" halten, um Lücken auszugleichen. "Für die erste Option müssten man Gesetze ändern, für die zweiten Option Kohle kaufen und auf Halde lagern."

Flüssiggas könnte aus Afrika kommen

Am Donnerstag meldete sich der "Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft" zu Wort: Deutschland könne seine Abhängigkeit von russischem Erdgas durch mehr Importe aus Afrika drücken. "Kurzfristig können und wollen afrikanische Länder wie Algerien, Ägypten, Nigeria und Angola Gas nach Europa liefern", sagte der Vorsitzende Stefan Liebing. Algerien liefere bereits "zuverlässig" Erdgas nach Südeuropa. Über die 750 Kilometer lange Medgaz-Pipeline, die gerade erweitert werde, fließe das algerische Gas unter dem Mittelmeer in die EU.

Auch Ägypten, Nigeria und Angola seien Produzenten von LNG und wären in der Lage, mehr Flüssiggas nach Europa zu exportieren. "Dafür braucht es gar keine Flüssiggasterminals in Deutschland, denn es gibt schon jetzt insgesamt 20 solcher Terminals in Europa", sagte Liebing. Zusammen könnten diese vier afrikanischen Länder einen signifikanten Beitrag zur Versorgungssicherheit Deutschlands und Europas mit Erdgas leisten und die Abhängigkeit von Importen aus Russland senken. Gleichzeitig könnte Europa so den afrikanischen Ländern wirtschaftlich zur Seite stehen, die von Folgen des russischen Krieges gegen die Ukraine schwer getroffen sind. "Es braucht nur den politischen Willen, jetzt mit diesen Ländern entsprechende Verträge zu schließen."

Vom Partner zum Gegner: Wie NRW sich aus der Abhängigkeit von Russland lösen will

Westpol: Eins zu eins 03.03.2022 28:56 Min. Verfügbar bis 03.03.2023 WDR