Foto von der Abbruchkante in Erftstadt-Blessem am 15.07.2021.

Erftstadt ließ Bürger trotz Überflutungsgefahr schlafen

Stand: 01.09.2021, 07:49 Uhr

Die Feuerwehr in Erftstadt war am Morgen des 15. Juli offenbar bereits gegen 3.30 Uhr über die drohende Überflutung von Teilen des Ortes informiert gewesen.

Von Oliver Köhler

Statt Großalarm auszulösen und die Anwohner in den gefährdeten Gebieten zu wecken, hat die Feuerwehr aber zunächst nur einzelne Bürger in Sicherheit gebracht. Das haben Recherchen des WDR ergeben. Die Bewohner der Burg in Erftstadt-Blessem wurden am Morgen des 15. Juli zwischen 3.30 Uhr und 4 Uhr aus dem Schlaf gerissen. "Feuerwehrleute standen im Hof und sagten uns, wir müssten hier weg", berichtet Bewohner Andreas Negro.

Während Andreas Negro seine Familie und die Mieter der anderen Wohnungen in der historischen Hofanlage weckte und das Nötigste für die Flucht vor dem Hochwasser zusammenpackte, lagen die Nachbarn auf der gegenüberliegenden Straßenseite im Tiefschlaf.

Feuerwehr weckte Anwohner nicht

Die Feuerwehr weckte weder die unmittelbaren Nachbarn der Burg Blessem, noch gab es in anderen Teilen von Erftstadt Alarm.

Viele Bürger erfuhren erst am Vormittag, dass eine Hochwasserwelle auf ihre Häuser zurollte. Da war es allerdings schon zu spät, um Möbel, Elektrogeräte und wichtige persönliche Gegenstände vor dem Wasser in Sicherheit zu bringen. "Jede Stunde, die wir früher gewusst hätten, was da auf uns zukommt, wäre wertvoll gewesen", sagt der Vorsitzende des Bürgerforums Blessem, Karl Berger, dem WDR. "Da hätte man noch etwas retten können."

Bürgern blieb keine Zeit Fotoalben in Sicherheit zu bringen

So versanken Alben mit unwiederbringlichen Fotos, Erinnerungen an Eltern, Freunde und an die ersten Schultage der Kinder in Schlamm und nach Heizöl stinkendem Wasser.

Die Feuerwehr Erftstadt hatte bisher auf Nachfrage des WDR erklärt, sie habe die Bürger nicht rechtzeitig vor dem Hochwasser gewarnt, weil die Verantwortlichen es "nicht auf dem Schirm" hatten, dass der angekündigte Starkregen zu Hochwasser in den Flüssen führt.

Die Hinweise des Erftverbandes auf ein Jahrhunderthochwasser habe die Feuerwehr am Tag vor den Überschwemmungen nicht erhalten. Und die Entwicklungen der Flüsse in benachbarten Kreisen oder Gemeinden habe die Feuerwehr Erftstadt wegen Überlastung nicht wahrgenommen.

Die Evakuierung der Burg Blessem am Morgen des 15. Juli belegt jetzt aber: Die Feuerwehr hatte, spätestens zu diesem Zeitpunkt, die Hochwassergefahr erkannt.

Bürger fordern Aufklärung

Der WDR hat die Stadt Erftstadt gefragt, warum an dem frühen Morgen nur die Bewohner der Burg gewarnt wurden, die Nachbarn der Burg und die übrigen Bewohner von gefährdeten Gebieten in Erftstadt aber keine Warnung erhielten.

In einer schriftlichen Stellungnahme antwortete die Pressestelle der Stadt: "Bitte haben Sie Verständnis, dass wir aufgrund des zwischenzeitlich eingeleiteten Ermittlungsverfahrens der Staatsanwaltschaft gegen Unbekannt (…) keine ergänzenden Stellungnahmen mehr abgeben."

Nicht nur im Ortsteil Blessem, auch in Erftstadt-Bliesheim wollen die Bewohner wissen, warum die Stadt sie nicht rechtzeitig vor der Überflutung gewarnt hat.

Nachbargemeinde Weilerswist löste Großalarm aus

Anders als in Erftstadt hatte die Feuerwehr im benachbarten Weilerswist nämlich am Morgen des 15. Juli gegen 4 Uhr früh Großalarm ausgelöst. Die Bewohner wurden aufgefordert, die Häuser zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen. Grund für den Alarm: An der Erft war das Wasserrückhaltebecken Horchheim um 3.24 Uhr komplett gefüllt. Der Erftverband musste Wasser aus dem Becken ablassen, damit der Staudamm nicht überspült wird. Damit begann der Erftverband um 3.32 Uhr.

Von dieser dramatischen Entwicklung will die Stadt Erftstadt, nach Aussagen ihres Feuerwehrsprechers, nichts mitbekommen haben.  

Stadt will Fragen des WDR nicht beantworten

Allerdings standen an dem Morgen des 15. Juli - genau zu dem Zeitpunkt als sich die Situation an dem Wasserrückhaltebecken in Horchheim zuspitzte – Feuerwehrleute im Hof der Burg Blessem in Erftstadt und forderten die Bewohner auf, sich in Sicherheit zu bringen.

Die Frage des WDR, ob die Burg evakuiert wurde, weil eine Flutwelle vom Damm Horchheim auf Erftstadt zukam, will die Stadtverwaltung nicht beantworten.

Viele Bürger in den besonders vom Hochwasser betroffenen Ortsteilen Blessem und Bliesheim fordern von der Stadt jetzt Aufklärung.

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Westpol 29.08.2021 UT DGS Verfügbar bis 29.08.2022 WDR