Einer für alles: Laschet-Nachfolger Hendrik Wüst im Porträt

Hendrik Wüst im Portrait.

Einer für alles: Laschet-Nachfolger Hendrik Wüst im Porträt

Von Arne Hell

Hendrik Wüst galt früh als konservativer Hoffnungsträger in der CDU. Dann folgten Skandale, ein Rücktritt und ein Stilwandel. Jetzt soll er Armin Laschet beerben - als CDU-Parteichef und als Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen.

Wenn Hendrik Wüst etwas auf Twitter postet, kann man davon ausgehen, dass er sich gründlich Gedanken über die Botschaft gemacht hat, die er damit aussendet. Der 46-Jährige, in Nordrhein-Westfalen Verkehrsminister, überlässt die Dinge ungerne dem Zufall. Er gilt stets als sehr gut vorbereitet.

Nach der Niederlage der CDU bei der Bundestagswahl twitterte Wüst eine Grafik. Sie zeigt: Besonders viele Wählerinnen und Wähler verloren CDU und CSU an die SPD und die Grünen. "Bei diesen Wählerwanderungen", schrieb Wüst dazu, "sollte niemand auf die Idee kommen, die Union nach rechts rücken zu wollen."

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Eine Absage an all jene Parteifreunde, die von einer konservativen oder marktradikalen Wende in der Union träumen. Hendrik Wüst präsentiert sich als ein Mann der Mitte, als einer, der die verschiedenen Lager der CDU vereinen möchte anstatt sie weiter zu spalten. Es ist ein Image, an dem Wüst länger gearbeitet hat.

Es gab eine Zeit, da galt der Münsterländer als Hoffnungsträger des konservativen Flügels. Im ersten Abschnitt seiner politischen Karriere, als er vor allem für Attacken zuständig war - gegen politische Gegner, aber auch mal gegen Parteifreunde. Erst als Chef der Jungen Union in NRW. Dann, mit Anfang 30, als Generalsekretär der NRW-CDU, unter Jürgen Rüttgers.

Rhetorik gern zackig bis schneidig

Ältere Parteifreunde erzählen, dass Wüst damals schon mal ausfallend werden konnte, wenn ihn etwas störte. Seine Rhetorik war gerne zackig bis schneidig. 2007 tat er sich unter anderem mit Markus Söder zusammen. Die beiden jungen Drängenden legten ein Positionspapier vor: "Moderner bürgerlicher Konservatismus". Die FAZ sprach damals vom "Nachweis der Aufmüpfigkeit".

Doch dann das jähe Ende des Aufstiegs. Wüst musste 2010 zurücktreten, wegen einer Affäre rund um buchbare Sponsorentermine mit Ministerpräsident Rüttgers. Die Episode "Rent a Rüttgers" machte bundesweit Schlagzeilen. Dass Wüst daran scheiterte, löste auch Schadenfreude aus. Kurz danach verlor die CDU die Landtagswahl in NRW.

Sinnes- oder Stilwechsel?

Bei Wüst scheint es seitdem einen Sinneswandel gegeben zu haben, zumindest einen Stilwechsel. Einige Jahre war er, von Hause aus Jurist und Anwalt, Geschäftsführer beim Verlegerverband und beim Privatradio. Gleichzeitig arbeitete er am politischen Comeback und sicherte sich die Führung der einflussreichen Mittelstandsvereinigung in der NRW-CDU. 2017 machte ihn Armin Laschet zum Verkehrsminister.

Seitdem vermeidet er die ganz lauten Töne. Er gönne sich jetzt öfter einen Moment, die Dinge zu durchdenken, sagt er selbst dazu. Er sei weniger streitlustig und gehe achtsamer mit anderen um. Tatsächlich betont er den Teamgedanken. "Querelen wie mit der CSU" werde es in NRW nicht geben, sagte Wüst im April, nach der schmutzigen Machtprobe zwischen Laschet und Söder, "wir werden den Laden hier schön zusammenhalten". Bis heute hat er öffentlich keinen Anspruch auf den Posten des Ministerpräsidenten erhoben.

Bandbreite der Partei sichtbar machen

Es gibt Leute in der CDU, die das für Taktik halten. Die über eine Politik der "vielen kleinen Kaffeetrinken" lästern, in Anspielung an Wüsts Fähigkeiten, sich im Hintergrund Unterstützung zu sichern. Und die Wüst vorwerfen, Armin Laschet im Bundestagswahlkampf nicht ausreichend unterstützt zu haben.

Doch ein Großteil der nordrhein-westfälischen CDU steht hinter Wüst. Und dass nicht nur im wirtschaftsnahen Parteiflügel und in der Jungen Union. Auch der Landesvorsitzende des Arbeitnehmerflügels, Dennis Radtke, unterstützt ihn: "Er ist ein Mann des Ausgleiches, der nicht in ideologischen Schützengräben verharrt", sagt Radtke. Wüst habe verstanden, dass der Charakter der CDU als Volkspartei nur erhalten bleibe, wenn die gesamte Bandbreite der Partei sichtbar ist.

Mischung aus Jungunternehmer und Schwiegermutters Liebling

Als Verkehrsminister hat Wüst in NRW Erfolge vorzuweisen. Er holte deutlich mehr Bundesmittel für Straßen und Schienen ins Land als seine Vorgänger. Die Ausgaben für den Bahnverkehr und vor allem für Radwege hat er deutlich erhöht. Er mag effiziente, pragmatische Lösungen. Dass Straßenbahnen im Ruhrgebiet noch immer unterschiedliche Spurbreiten haben, ist ihm ein Graus.

Auch im Auftreten ist Wüst bemüht, das Image des Scharfmachers abzustreifen. In Interviews wirkt er smart und eloquent. Er lächelt oft und trägt modisch geschnittene Anzüge, meistens ohne Krawatte. Ein bisschen eine Mischung aus Jungunternehmer und Schwiegermutters Liebling. Außerdem mag er die Jagd und fährt gerne Fahrrad, auch im Regierungsviertel in Düsseldorf.

Jünger, frischer - aber auch traditionell

Seit Anfang des Jahres ist er auch Vater einer kleinen Tochter. Im Fernsehinterview wurde er im April provokant gefragt, ob sich das denn mit dem Amt des Ministerpräsidenten vertrage. Es war auch eine Anspielung darauf, dass Annalena Baerbock von den Grünen das im Bundestagswahlkampf als Frau gefragt worden war. Wüst lächelte: "Vielleicht ist es gar nicht schlecht, wenn Menschen, die in der Politik sind, junge Eltern sind." So kenne man die Probleme von Familien aus erster Hand.

Für die CDU ist Wüst eine Chance, jünger und frischer wahrgenommen zu werden - ohne dabei Traditionalisten zu verprellen. Er bietet, so scheint es, für fast jeden etwas an. Für einen Wahlkampf ist das gut. In den kommenden Monaten bekommt Wüst die Gelegenheit, das auch im Regierungshandeln hinzubekommen.

Stand: 05.10.2021, 18:42

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