Minister Stamp will Gretas Tod lückenlos aufklären

Auf drei Steinen sind eine Blume, ein Herz und ein Engel mit bunter Farbe gemahlt.

Minister Stamp will Gretas Tod lückenlos aufklären

Von Thomas Drescher

  • Landesjugendamt prüft Verletzung von Meldepflichten
  • Ermahnung einer Staatsanwältin in Kleve
  • Familienminister Stamp verspricht lückenlose Aufklärung

Wie hätte der Tod der dreijährigen Greta in einer Viersener Kindertagesstätte verhindert werden können? Welcher der zahlreichen Hinweise auf die 25-jährige Erzieherin, die im Verdacht steht, das Mädchen getötet zu haben, hätte die zuständigen Behörden alarmieren müssen? Mit diesen Fragen startete am Donnerstag (04.06.2020) im Familienausschuss des Landtags die politische Aufarbeitung des Falles Greta. Minister Joachim Stamp (FDP) versprach "lückenlose Aufklärung".

Messerangriff vorgetäuscht

Ein Mitarbeiter des Justizministeriums, Christian Burr, berichtete, wie der Onkel der 25-jährigen Erzieherin im Mai 2019 die Polizei alarmierte. Die junge Frau sei, so hatte sie berichtet, in einem Waldstück nahe der niederländischen Grenze von einem Mann mit einem Messer angegriffen und zur Herausgabe ihres Personalausweises gezwungen worden. Ihre Gesichtsverletzung, so befand eine Gerichtsmedizinerin später, habe sich die Erzieherin zweifelsfrei selbst beigebracht. Gegenüber dem ermittelnden Polizeibeamten räumte sie ein, dass sich der Vorfall auch ganz anders ereignet haben könnte, sie habe daran aber keine Erinnerung.

Das Verfahren wegen Vortäuschung einer Straftat wurde wenige Wochen später Anfang Juni eingestellt. Die Erzieherin habe beteuert, aus dem Vorfall gelernt zu haben. Sie werde sich psychologisch behandeln lassen. Dies hatte die Gerichtsmedizinerin dringend empfohlen. Auch ihre Eltern wurden informiert und hätten eine Therapie zugesichert. -

Keine Ermessenssache

Warum die Staatsanwaltschaft Kleve diesen Vorfall nicht dem zuständigen Landesjugendamt in Köln gemeldet hatte, ist eine der vielen offenen Fragen im Fall Greta. Ministerialdirigent Burr ließ aber keinen Zweifel daran, dass diese sogenannte MiStra-Meldung unbedingt hätte erfolgen müssen. Die Regeln dafür seien klar. "Eine solche Mitteilung ist keine Ermessenssache", sagte Burr.

Auch wenn das Strafverfahren eingestellt wurde: der Grund für die Ermittlungen sei offenkundig ein "krankhaftes und behandlungswürdiges" Verhalten gewesen - und damit von großer Bedeutung für das Wohl der Kinder, die eine Erzieherin betreut. Die Staatsanwältin in Kleve sei von ihren Vorgesetzten an ihre Meldepflicht erinnert und dienstlich ermahnt worden. Das Justizministerium hält dies für ausreichend.

Häufung von Notarzteinsätzen

Die Auffälligkeiten um die Erzieherin reichen aber noch weiter. Darüber berichtete der Leiter des Landesjugendamtes Rheinland, Lorenz Bahr. Sein Amt, so betonte er, sei keine wirkliche Aufsichtsbehörde für die Kindertagesstätten im Lande. Aber dort würden Hinweise auf die Gefährdung des Kindeswohls gesammelt und ausgewertet. 1.467 Hinweise auf "besondere Vorkommnisse" gab es für das Rheinland im Jahr 2019. Die Meldungen kamen von Kita-Leitungen, Erzieherinnen, aber auch von Eltern. Sie betrafen, schwere Unfälle, massive Beschwerden, Straftaten und Strafverfolgung, betriebsgefährdende Ereignisse.

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In den drei Kitas in Krefeld, Kempen und Tönisvorst, wo die Verdächtige vor ihrer Tätigkeit in Viersen angestellt war, gab es mehrere Notarzteinsätze und anschließende Klinikaufenthalte von Kindern wegen Atemnot und Atemstillständen. Ob dies dem Landesjugendamt hätten gemeldet werden müssen, werde derzeit untersucht. Es geht um den Verdacht, dass Meldepflichten verletzt wurden.

Wegen eines Jungen wurde gar viermal der Notarzt gerufen. Er habe eine Vorerkrankung gehabt. "Es gab immer eine medizinische Erklärung", so Bahr. Deshalb wurden die Vorfälle nicht seiner Behörde, sondern der Unfallversicherung gemeldet.

Von Zulassung zur Prüfung abgeraten

Auch die anderen Auffälligkeiten erreichten das Landesjugendamt nicht. In Krefeld, wo die junge Erzieherin während ihres Anerkennungsjahres in einer städtischen Einrichtung tätig war, riet sogar das Jugendamt davon ab, sie überhaupt zur Prüfung zuzulassen. Es sei schnell klar geworden, dass die junge Frau nicht mit Kindern allein sein könne, so das Amt. Warum sie dennoch ihre Prüfung absolvieren konnte: unklar. Auch hier wird eine Meldepflichtverletzung geprüft.

Ob diese Fälle aufgefallen wären, wenn sie seiner Behörde bekannt gewesen wären? Landesjugendamtsleiter Lorenz Bahr formuliert vorsichtig. "Wir hätten jedenfalls die Möglichkeit dazu gehabt", sagt er. Sein Amt hat immerhin die Kompetenz, in einzelnen Fällen Erzieherinnen die Tätigkeit zu untersagen.

Nicht empathisch, nicht kooperativ

Noch im Februar 2020, da war die Tatverdächtige gerade seit zwei Monaten in Viersen tätig, soll sie in einem Mitarbeitergespräch die Rückmeldung erhalten haben, sie sei nicht empathisch und auch nicht kooperativ. Wenig später reichte sie ihre Kündigung ein. Seit März war sie im Homeoffice, wurde aber wegen der Ausweitung der Notbetreuung im April noch einmal für wenige Tage in die Viersener Kita beordert. Ihren Anschlussvertrag in einer Kita in Geldern hatte sie schon unterschrieben in der Tasche.

Am 21. April hatte die dreijährige Greta während der Mittagspause in der Kita einen Atemstillstand. In dieser Zeit war sie mit der verdächtigen Erzieherin allein. Was genau geschah, ermittelt nun eine Mordkommission. Klar ist nur: Gretas Gehirn wurde durch Sauerstoffmangel so schwer geschädigt, dass sie am 4. Mai im Krankenhaus starb.

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Geht es um das Versagen vieler einzelner Personen? Oder offenbaren sich Fehler in einer Struktur, der sehr viele Menschen ihr Kostbarstes anvertrauen: ihre Kinder? Reichen die internen Kontrollmechanismen womöglich nicht aus? Mit diesen Fragen wird sich der Landtag in den kommenden Monaten häufiger beschäftigen, bis die Umstände, die zu Gretas Tod geführt haben, aufgeklärt sind.

Stand: 04.06.2020, 19:42