Experte: "Investitionen in Radverkehr verzehnfachen"

Eine Mutter fährt mit zwei Kindern durch die Stadt

Experte: "Investitionen in Radverkehr verzehnfachen"

  • ADFC-Studie: Unzufriedenheit bei Radfahrern gestiegen
  • Experte: Kommunen sollten Ausgaben für Radverkehr verzehnfachen
  • Verkehrswende nötig für Klimaziele

Der politische Wunsch nach einem deutlichen Ausbau der Radmobilität und die Wirklichkeit klaffen weit auseinander. Das zeigt die aktuelle Erhebung des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC). Was sich in den Kommunen ändern müsste, erklärt Thorsten Koska, Mobilitätsforscher am Wuppertal Institut.

WDR.de: Seit Jahren heißt es: Die Städte müssen fahrradfreundlicher werden. Eine aktuelle Umfrage des ADFC zeigt aber, dass die Unzufriedenheit der Radfahrer sogar zunimmt. Woran liegt das?

Thorsten Koska: Wir haben große Probleme, im Verkehrssektor die Klimaziele zu erreichen. Dadurch wächst der Handlungsdruck, die Verkehrswende wird immer dringender. Auf der anderen Seite wagen immer mehr Leute den Umstieg auf den Radverkehr. Und die merken eben, dass da einiges im Argen liegt.

WDR.de: Was genau?

Thorsten Koska

Mobilitätsforscher Koska vom Wuppertal Institut

Koska: Dass es nicht genug Flächen gibt, auf denen sich Radfahrer sicher bewegen können. Wichtig ist vor allem, dass die Wege breit genug und zu beiden Seiten abgegrenzt sind. Und dass es gut einsehbare Überwege über die Kreuzungen gibt. Dazu kommt, dass das Radnetz in vielen Städten in NRW ein Flickwerk ist. Ein wunderbar ausgebauter, kilometerlanger Radweg nützt aber wenig, wenn dieser dann unvermittelt in den ganz normalen Verkehr mündet. Viele Radfahrer sind dann trotzdem abgeschreckt und fahren dort nicht.

Zur Person

Thorsten Koska

Thorsten Koska ist Politikwissenschaftler und Soziologe und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Verkehrspolitik und -planung. Am Wuppertal Institut ist er Co-Leiter des Forschungsbereichs Mobilität und Verkehrspolitik.

ADFC stellt Umfrage vor: Radklima wird immer schlechter

WDR 2 09.04.2019 02:30 Min. Verfügbar bis 08.04.2020 WDR Online

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WDR.de: In vielen NRW-Städten ist die Bebauung aber so eng, dass kein Platz für breitere Radwege vorhanden ist.

Koska: Stimmt, weil über 90 Prozent des Platzes für den Autoverkehr vorgesehen ist. Wenn man eine Verkehrswende möchte, muss man eben auch den städtischen Straßenraum neu ordnen. Etwa, indem man Autospuren verkleinert oder das Tempo herabsetzt.

WDR.de: Führt das nicht zu noch mehr Stau?

Koska: Eben nicht. Bestes Beispiel sind Städte wie Münster oder Bremen, wo man solche Konzepte schon länger umsetzt. Dort hat der Autoverkehr ab- und der Radverkehr zugenommen.

WDR.de: Laut einer "Greenpeace"-Studie gibt etwa die Stadt Köln jährlich 2,80 Euro pro Kopf für den Radverkehr aus. Wie viel wäre nötig, um die Lage deutlich zu verbessern?

Koska: Im Schnitt sind es bei den deutschen Städten derzeit um die 5 Euro. Für einen erfolgreichen Radverkehr müsste man fünf- bis zehnmal so viel Geld investieren, als dies aktuell der Fall ist. Eine Verzehnfachung klingt erst einmal nach viel, ist aber immer noch deutlich weniger, als in den Autoverkehr investiert wird. Da muss man zum Beispiel nur schauen, was der Tunnel unter der Düsseldorfer Kö kostet.

WDR.de: Das Verkehrsministerium will erreichen, dass bis 2030 mindestens 25 Prozent aller Wege mit dem Rad zurückgelegt werden. Ist das realistisch? Aktuell sind es nur 10 Prozent.

Koska: Durchaus - mit guter Politik und dem Willen zur Veränderung. Viele Städte in den Niederlanden oder Skandinavien haben das vorgemacht.

Das Interview führte Ingo Neumayer.

Stand: 09.04.2019, 13:20