Große Missbrauchsfälle: Andere Opfer müssen warten

Warten auf den Missbrauchsprozess Westpol 25.10.2020 UT DGS Verfügbar bis 25.10.2021 WDR

Große Missbrauchsfälle: Andere Opfer müssen warten

Von Torsten Reschke und Heike Zafar

Lügde, Bergisch Gladbach, Münster: Große Missbrauchsfälle sollen schnell vor Gericht landen. Ausgerechnet andere Missbrauchsopfer müssen deshalb immer länger warten - mit dramatischen Folgen.

Warten, warten, warten. Vor mehr als drei Jahren hat Sandra M.* aus der Nähe von Münster erfahren, dass ihre beiden Söhne von ihrem ehemaligen Lebensgefährten missbraucht worden sein sollen. Doch seitdem warten sie auf einen Prozess.

Die Staaatsanwaltschaft Münster hat Sandras früheren Partner zwar wegen schweren Kindesmissbrauchs und Verbreitung von Kinderpornographie angeklagt. Aber der Prozess gegen den Mann vor dem Landgericht Münster verschiebt sich immer wieder. Ein anderes Verfahren hat jetzt Vorrang: der große Missbrauchsprozess in Münster gegen mehrere Beschuldigte, die in einer Gartenlaube mehrere Kinder brutal vergewaltigt haben sollen – die Angeklagten sitzen alle in Untersuchungshaft.

Keine schnelle Hilfe: Gericht rät von Therapie ab

Ein Teddybär liegt auf dem Tisch in einem leeren Gerichtssaal

Mutter Sandra M. wartet auf den Prozess

Das alles hat schwerwiegende Folgen für Sandras Familie. „Ich komme mir vor wie ein Mensch zweiter Klasse“, sagt sie im Interview mit dem WDR-Magazin Westpol. Die Situation ist vor allem ein Problem für ihre Söhne: Der Zehnjährige zum Beispiel habe massiv zugenommen, 20 Kilo in den vergangenen Monaten. „Er frisst alles in sich hinein“.

Und schnelle Hilfe wird es nicht geben: Das Landgericht hat in einem Schreiben sogar davon abgeraten, dass die Kinder eine Therapie bekommen. Eine Psychotherapie könnte möglicherweise die Erinnerungen der Kinder verändern. Und das mache es für Richter schwer, den Wahrheitsgehalt von Zeugenaussagen zu beurteilen, erklärt ein Sprecher des Landgerichts dem WDR.

Beim Kinderschutzbund in Rheine sind viele Fälle bekannt, bei denen Kinder wegen langer Verfahrensdauer jahrelang auf Psychotherapie warten müssen. Im Zweifelsfall müssen dann die Eltern entscheiden, was wichtiger ist: Eine zeitnahe Therapie für ihr Kind oder die Zeugenaussage vor Gericht. Für Sandra M. eine groteske Zwickmühle. Der mutmaßliche Täter könnte straffrei davonkommen, wenn sie sich alleine für eine Therapie entscheidet. "Die Kinder hätten dann keinerlei Anspruch auf eine Opferrente."

NRW-Justizministerium sieht keine Handlungsmöglichkeiten

Die Kinderschutzkommission des NRW-Landtags kritisiert diese Umstände. Die Annahme, dass Therapien Aussagen verändern, sei nicht belegt, sagt die Kommissionsvorsitzende Britta Altenkamp (SPD). Psychotherapeuten hätten klar gestellt, dass "dies absolut unberechtigt ist." Dennoch werden die Aussagen therapierter Kinder immer wieder in Zweifel gezogen - und Richter haben oft das letzte Wort.

Zwei Gartenlauben, davor viele blühende Pflanzen und eine Liege

Der große Missbrauchsprozess in Münster beginnt Mitte November

Das NRW-Justizministerium sieht keine Möglichkeiten, daran etwas zu ändern. Richterinnen und Richter seien laut Grundgesetz unabhängig, da dürfe auch das Justizministerium nicht reinreden. Doch könnte man zumindest mehr Personal einsetzen, damit sich die Verfahren nicht so lange verzögern? Das zuständige Landgericht Münster kündigte im Westpol-Interview an, zu überlegen, wie "die Geschäfte verändert oder verteilt werden könnten, um die entsprechenden Kapazitäten zu schaffen."

Sandra M.* und ihren Söhnen hilft das im Moment wenig. Ihr Prozess wird frühestens im kommenden Jahr beginnen. Solange werden sie weiter warten müssen, bis sie einen Schlussstrich ziehen können. "Wenn ein neuer Fall in die Medien kommt, sitzen irgendwo Betroffene, die wieder nach hinten geschoben werden", sagt sie.

*Name geändert

Viersen, Lügde, Corona: Der weite Weg zum besseren Kinderschutz

WDR RheinBlick 04.06.2020 25:58 Min. Verfügbar bis 04.06.2021 WDR Online


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Stand: 26.10.2020, 08:30

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