Missbrauchsfall Münster: Ermittler errieten Passwort

Missbrauchsfall Münster: Ermittler errieten Passwort

Von Christian Wolf

  • Innenausschuss im Landtag debattiert über Missbrauchsfall
  • Minister verteidigt Arbeit der Polizei
  • Ermittlungserfolg gelang offenbar durch Zufall

Im Missbrauchsfall von Münster hat offenbar eine große Portion Zufall dazu geführt, dass der Tatverdächtige Adrian V. überhaupt festgenommen wurde. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) hat am Mittwoch (17.06.2020) Details zu den Ermittlungen berichtet.

Spezialisten konnten Laptop nicht knacken

Demnach steckten die Beamten zwischenzeitlich in einer Sackgasse. Die Spezialisten im Landeskriminalamt hätten die verschlüsselten Daten auf dem den Laptop des 27-Jährigen nicht knacken können. Das Gerät sei dann zurück zur Polizei nach Coesfeld gebracht worden.

NRW-Innenminister Herbert Reul spricht in der Landespressekonferenz über den Verfassungsschutzbericht 2019

NRW-Innenminister Herbert Reul

Dort, so Reul, hätten die Beamten noch einmal mögliche Passwörter ausprobiert. Und tatsächlich seien sie am 12. Mai bei der Abwandlung eines anderen Passwortes, das der Mann mal verwendet hatte, erfolgreich gewesen.

Festnahme nach Hinweisen auf Laptop

Bei der Durchsuchung des Laptops tauchten dann konkrete Hinweise auf, dass Adrian V. nicht nur kinderpornographisches Material besaß, sondern womöglich auch selbst aktiv ein Kind missbrauchte. Tags drauf wurde der 27-Jährige festgenommen.

Mittlerweile gibt es laut Reul insgesamt 18 Tatverdächtige, sieben sitzen in Untersuchungshaft. Sechs Kinder seien als Opfer von sexuellem Missbrauch identifiziert.

Warum dauerten Ermittlungen so lange?

Im Innenausschuss des Landtages drehte sich am Mittwoch vieles um die Frage, warum die Ermittlungen so lange gedauert haben. Denn schon im Mai 2019 hatte es bei dem Tatverdächtigen eine Hausdurchsuchung gegeben. Doch erst ein Jahr später erfolgte die Festnahme.

Für die Verzögerung nannte Reul mehrere Gründe. Zum einen habe es lange keine Hinweise auf einen Kindesmissbrauch gegeben. Bei der Hausdurchsuchung im Mai 2019 seien neben dem Laptop zwar noch ein Smartphone und ein Tablet sichergestellt worden. Auf denen habe man aber keine Anhaltspunkte für einen Missbrauch durch den Mann entdeckt. Das habe sich erst durch den entschlüsselten Laptop geändert.

Polizei muss Prioritäten setzen

Als weiteren Grund nannte der Innenminister die Arbeitsweise der Polizei. Weil es mittlerweile so viele Ermittlungsfälle gebe, müssten Prioritäten gesetzt werden. "Die Beamten müssen sich fragen, welchen Fall bearbeite ich jetzt, welchen später? Bei der Entscheidung geht es immer um den Schutz von Kindern, wo kann Leid der Kinder verkürzt werden." In der Konsequenz bedeute dies, dass Fälle mit möglichem Missbrauch Vorrang hätten vor Fällen mit Kinderpornographie.

Kindesmissbrauch in NRW Westpol 07.06.2020 UT DGS Verfügbar bis 07.06.2021 WDR

SPD beklagt "langsame Reaktion"

Den Ermittlern will Reul deshalb keine Vorwürfe machen. Aus den Reihen der Opposition kam am Mittwoch trotzdem Kritik auf.

So wurde darauf verwiesen, dass der Tatverdächtige schon mal wegen Kinderpornographie und Missbrauch verurteilt worden war. "Warum die zuständigen Behörden vor dem Hintergrund dieser Vorgeschichte nicht sofort reagiert haben und der Hauptverdächtige erst im Mai 2020 in Haft genommen wurde (...), konnte bisher nicht plausibel dargelegt werden", sagte der SPD-Innenexperte Hartmut Ganzke. Die "langsame Reaktion" sei "nicht nachvollziehbar".

Stand: 17.06.2020, 14:44