Maskenpflicht in der Schule: Ist das noch sinnvoll?

Geimpfte Kinder müssen nicht mehr zum Test

Maskenpflicht in der Schule: Ist das noch sinnvoll?

Von Nina Magoley

Die Maskenpflicht im Freien ist ab sofort Vergangenheit. Ins Fußballstadion dürfen bis zu 67.000 Menschen. Wie es aber in den Schulen mit der Maske weitergehen soll, ist noch völlig offen.

Viele Stunden des Tages tragen sie Maske, meist ohne zu murren, und das seit über einem Jahr: Kinder und Jugendliche in Schulen bundesweit. Doch mit steigender Impfquote wollen viele Bundesländer die Maskenpflicht im Unterricht bald abschaffen: In Bayern ab nächster Woche, in Berlin können Kinder bis zu sechsten Klasse die Maske ab Montag zuhause lassen.

Im Saarland endet die Maskenpflicht im Unterricht am heutigen Freitag - was zumindest konsequent erscheint, da hier zeitgleich auch das Tanzen in Clubs wieder möglich ist. Auch in Baden-Württemberg wird ein Ende der Maskenpflicht in Schulen erwogen.

Wie es in NRW weiter gehen soll, will Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) nächste Woche bekannt geben. NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) will, dass die Maskenpflicht bis "ein, zwei Wochen" nach den Ferien bleibe, "um die Reiserückkehrer nochmal abzufangen". Er weist auch darauf hin, dass Kinder unter zwölf Jahren bisher nicht geimpft sind. "Das ist eine völlig andere Situation als in der Welt der Erwachsenen", meint Laumann.

Lehrerverbände wollen die Maske behalten

Der Deutsche Lehrerverband hat bereits angekündigt, dass er Lockerungen bei der Maskenpflicht an Schulen kritisch sieht: Der Verzicht auf Tests und die zu frühe Abschaffung der Maskenpflicht in Kombination mit gelockerten Quarantänemaßnahmen erhöhe die Gefahr, "dass die Schule zur Black Box wird, was eine Kontrolle von Infektionen nicht mehr zulässt", sagte der Präsident des Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland am Freitag.

Auch Maike Finnern, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) meint, eine Maskenpflicht bleibe als "Teil des Maßnahmenbündels abhängig vom Infektionsgeschehen sinnvoll".

Zwei Schüler mit Mund-Nase-Masken sitzen hintereinander in Klassenraum.

"Kennenlernen mit Maske ist schwierig"

Der Grundschulverband dagegen befürwortet ein Ende der Tragepflicht für die Jüngsten - aus pädagogischen Gründen: "Das Kennenlernen unserer Erstklässler mit Maske ist schwierig", sagt der Verbandsvorsitzende Edgar Bohn. "Wenn Kinder nur die Augen sehen, fehlen viele Ausdrucksmöglichkeiten." Für die Entwicklung sei es wichtig, zu lernen, wie man aus der Mimik von Mitschülern Rückschlüsse darüber ziehen könne, wie es jenen gehe.

Wie ist die Faktenlage?

  • Die Infektionsrate unter Kindern und Jugendlichen ist derzeit vergleichsweise hoch. Von den rund 10.000 Corona-Neuinfektionen, die in den vergangenen sieben Tagen in NRW gemeldet wurden, waren rund 3.490 zwischen 0 und 19 Jahren alt - also mehr als ein Drittel. Allerdings war sie in den Wochen nach den Sommerferien noch wesentlich höher und ist seitdem deutlich gesunken.
  • Schulkinder in NRW werden an den Grundschulen zwei Mal die Woche per PCR-Pooltest überprüft und an den weiterführenden Schulen müssen drei Antigen-Schnelltests pro Woche durchgeführt werden. So die Vorschrift des Schulministeriums.
  • Nach Angaben des NRW-Schulministeriums waren Mitte September über 90 Prozent der Lehrkräfte hierzulande geimpft.
  • Laut Robert-Koch-Institut sind heute bei den 12- bis 17-Jährigen 50,3 Prozent mindestens einmal geimpft, 42,1 verfügen über einen vollständigen Impfschutz.
  • Das Robert Koch-Institut (RKI) erwartet für den Herbst und Winter einen neuerlichen Anstieg der Infektionszahlen. Grund seien die in Teilen Deutschlands immer noch große Zahl ungeimpfter Menschen. Vor allem aber, weil die Kontakte in Innenräumen zunehmen.

Wie infektiös sind Kinder überhaupt?

Nach der Studie eines Teams rund um den Virologen Christian Drosten, die im Mai in der Wissenschaftszeitschrift Science veröffentlicht worden war, unterscheidet sich die Ansteckungsrate von Kindern kaum von der Erwachsener. Lediglich kleinere Kindern bis fünf Jahren hätten niedrigere Viruslasten. Schon bei etwas älteren Kindern und Jugendlichen glichen sich die Werte zunehmend denen der Erwachsenen an. Bei Erwachsenen zwischen 20 und 65 Jahren zeigten sich demnach "keine nennenswerten Unterschiede" mehr bei der Viruslast.

Die Studie zeigte aber auch, dass es unter Coronainfizierten in allen Altersgruppen einige gibt, die besonders hohe Viruslasten tragen, auch bei Kindern. Ihr Anteil liege bei etwa neun Prozent.

Impfung als Lösung?

Kinder unter zwölf Jahren sind dem Virus derzeit völlig ungeschützt ausgesetzt. Bislang gibt es in Deutschland für sie noch keinen zugelassenen Corona-Impfstoff. Der Hersteller Biontech hatte vor kurzem angekündigt, in den kommenden Wochen eine Zulassung zu beantragen.

Die Ständigen Impfkommission (Stiko) zögert aber mit einer Impfempfehlung für Kinder unter zwölf. Bisher sei kein Kind unter 17 in Deutschland ausschließlich an Covid-19 gestorben, sagte der Stiko-Vorsitzende Thomas Mertens Medien zufolge.

Unter Experten ist eine Covid-Impfung für Kinder umstritten. Virologen wie der ehemalige WHO-Mitarbeiter Klaus Stöhr plädieren für eine natürliche Durchimmunisierung, indem sich Kinder gegenseitig anstecken - in der Annahme, das sie in der Regel dabei nicht schwer erkranken.

Ein Mädchen erhält eine Dosis des Corona-Impfstoffes von BioNTech-Pfizer.

Impfung nicht nur für Jugendliche?

Der Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin an der Uni Köln, Jörg Dötsch, bestätigt, dass eine SARS-CoV-2 Infektion bei Kindern sehr häufig asymptomatisch, also ohne Krankheitszeichen, verlaufe und "nach dem derzeitigen Wissensstand mindestens einen halbjährlichen Schutz" hinterlasse. Eine Durchseuchung der Kinder sollte aber dennoch "nicht Grundlage der Strategie sein", sagt er. Entscheidend sei vielmehr eine möglichst vollständige Durchimpfung der Erwachsenen.

Wie wichtig sind Tests an Schulen?

In Thüringen werden seit kurzem an den Schulen überhaupt keine Corona-Tests mehr gemacht. Damit nehme man sich "einen sehr billigen und trotzdem starken Hebel weg", kritisierte der Wissenschaftler Jan Mohring vom Fraunhofer Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik im Deutschlandfunk. Tests seien ein "relativ harmloses" Mittel, mit dem man einen guten Blick auf die Bevölkerung halten könne.

Zumal, nachdem Beobachtungen gezeigt hätten, dass gerade nach Schulferien regelmäßig ein Anstieg der Infektionen zu verzeichnen war - auch, weil dann in den Schulen wieder getestet wurde. So ließen sich Infektionsherde schnell abfangen und eingrenzen. Wenn Länder wie Thüringen jetzt die Testpflicht fallen ließen, dann können man Infektionswellen durch die Rückkehrer nach den Herbstferien vielleicht nicht mehr abfangen, fürchtet Mohring. "Gekoppelt mit der gestiegenen Basisreproduktionszahl in kälteren Jahreszeiten mit mehr Leuten im Innenraum könnte das dann wieder gefährlich werden."

"Kinder sind mal wieder vergessen worden"

Bei vielen Eltern sorgt die weiter geltende Maskenpflicht an Schulen jedenfalls für immer mehr Unmut. "Die Kinder sind mal wieder vergessen worden", ärgert sich Christian Reiß aus Düsseldorf, Vater eines Jungen, in einem Beitrag der Aktuellen Stunde: "Im Westfalenstadion können 60.000 Zuschauer künftig wieder singen, skandieren und feiern, während an den Schulen Kinder weiter mit Maske im Unterricht sitzen." Das passe nicht zusammen, meint der Vater. Am kommenden Sonntag will Reiß zusammen mit anderen Eltern beim "Kids Freedom Day" demonstrieren.

Stand: 01.10.2021, 17:24