Niemand hat die Absicht, eine Maske zu errichten - Blick auf die Kehrtwende

Wieviel Maske verträgt die Gesellschaft? Westpol 26.04.2020 UT DGS Verfügbar bis 26.04.2021 WDR

Niemand hat die Absicht, eine Maske zu errichten - Blick auf die Kehrtwende

Von Tobias Dammers und Sebastian Galle

  • Ab Montag gilt in NRW Maskenpflicht
  • NRW hat sich spät dazu durchgerungen
  • Psychologe: Tod der sozialen Kontake

Die neue Marschroute ist: Hauptsache vermummen, egal womit. Zur Not können es jetzt sogar auch ein herkömmlicher Schal oder ein schlichtes Tuch sein. Ab Montag (27.04.2020) gilt in NRW die "Regelung zu verpflichtender Mund-Nasen-Bedeckung".

Heißt: NRW bekommt die Maskenpflicht, das Land vermummt sich. Bis vor wenigen Tagen sträubte sich die Landesregierung noch gegen eine allgemeine Pflicht, dann wurde der Druck zu groß.

Im Auto nicht, in der Fahrschule schon

Bei der neuen Regelung kommt es zu skurrilen Details: Wer alleine im Auto fährt, so Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU), darf sich das Gesicht nicht verhüllen - hier gilt das Vermummungsverbot. Wer zu zweit im Auto sitzt, muss sich nicht maskieren. In einem Fahrschulauto hingegen müssen sich beide maskieren - hier wurde eine Ausnahmeregelung geschaffen. Im Taxi muss nur der Kunde Maske tragen, der Fahrer nicht.

Eine erstaunliche Wende

Die Entscheidung für eine Maskenpflicht stellt eine erstaunliche Wende dar – in Wissenschaft und Politik. Noch im Februar glauben die meisten, auch das Robert-Koch-Institut und das Gesundheitsministerium, dass eine Mundschutzpflicht für gesunde Menschen wenig Nutzen habe.

Im März wurden immer kritischere Stimmen laut, bis vergangenen Mittwoch auch in NRW die Maskenpflicht angekündigt wurde. Die Chronik der Ereignisse zeigt, wie der Druck auf NRW immer größer wurde.

  • 31. März: Jena beschließt als erste deutsche Stadt eine Maskenpflicht für ÖPNV und Geschäfte.
  • 2. April: Das Robert-Koch-Institut ändert seine Haltung und glaubt nun an die Schutzwirkung von Behelfsmasken.
  • 15. April: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten sprechen eine "dringende Empfehlung" aus.
  • 17. April: Sachsen beschließt als erstes Bundesland eine Maskenpflicht, Mecklenburg-Vorpommern zieht nach. Die NRW-Landesregierung setzt auf freiwilliges Tragen von Masken.
  • 20. April: Bayern entscheidet sich für eine Maskenpflicht. Münster und Dorsten verkünden eigenständige Mundschutzpflichten.
  • 21. April: Sieben Bundesländer ziehen nach: Berlin, Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein, Hamburg, Hessen, Thüringen. In NRW mahnt der Städte- und Gemeindebund zu einer einheitlichen Regelung.
  • 22. April: Solingen, Remscheid und Wuppertal stellen der Landesregierung ein Ultimatum. Es droht ein kommunaler Flickenteppich. Am Nachmittag verkündet Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) dann die Maskenpflicht ab dem 27.04. Die Regelung sei „im Einklang mit den Ländern Saarland, Niedersachen und Rheinland-Pfalz“ getroffen worden. Auch Bremen zieht nach.

Der Druck auf NRW wurde zu groß

Karl-Josef Laumann, NRW-Gesundheitsminister.

Karl-Josef Laumann, NRW-Gesundheitsminister.

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann gesteht am Freitag (24.04.2020) ein, "zur Wahrheit gehöre auch", dass nachdem zehn Bundesländer die Maskenpflicht angekündigt hatten, eine "politische Situation" entstanden sei, in der "wir es auch im größten Bundesland schlicht und ergreifend regeln mussten". Im Übrigen sei die Maskenpflicht auch "in der Sache richtig".

Opposition: eine politische Entscheidung

Für die Opposition ist klar, dass es keine gesundheitliche Entscheidung in NRW war, die Maskenpflicht einzuführen, sondern eine politische. Für den gesundheitspolitischen Sprecher der Grünen in NRW, Mehrdad Mostofizadeh, steht fest, dass die Landesregierung "wusste, dass sie dem Druck nicht standhalten wird" und sie deswegen bloß "kommunikativ in Vorleistung gegangen" ist. Inhaltlich stehe sie nicht hinter der Pflicht.

Martin Vincentz, Vize-Fraktionsvorsitzender der NRW-AfD, lobt zwar die Arbeit von Gesundheitsminister Laumann, ist aber überzeugt, bei der Maskenpflicht werde er "aus dem Bund heraus unter Druck gesetzt, Dingen folgen zu leisten, die nicht sinnvoll sind".

Was bringt die Maskenpflicht?

Coronavirus - Doc Esser klärt auf 23.04.2020 20:07 Min. Verfügbar bis 23.04.2021 WDR Online

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"Tod der sozialen Beziehung"

Aber was macht die Maske mit unserer Gesellschaft? Wie viel Maske verträgt NRW? Hier gehen die Meinungen auseinander. Für Dorstens Bürgermeister Tobias Stockhoff (CDU), der die (Teil-)Maskenpflicht als erster in NRW eingeführt hat, ist die Masken ein "Zeichen des Respekts". Denn die Maske symbolisiere "Schutz" und es sei wichtig "jetzt damit Solidarität auszudrücken".

Ganz anders bewertet der Kölner Psychologe Stephan Grünewald vom Rheingold-Institut den immer präsenteren Mundschutz. Er berät die Landesregierung während der Corona-Krise und befürchtet, langfristig sei die Maske "der Tod der sozialen Beziehung."

Stand: 26.04.2020, 21:52