Lügde: Überforderte Polizisten, überlastete Jugendhelfer

WDR zur Sache – der Missbrauch in Lüdge – was muss jetzt passieren? WDR 04.04.2019 01:29:56 Std. UT Verfügbar bis 04.04.2020 WDR Von Esat Mogul, Torsten Reschke, Marko Roesseler

Lügde: Überforderte Polizisten, überlastete Jugendhelfer

  • "WDR zur Sache" zum Fall Lügde
  • Diskussion über Folgen und Lehren
  • Betroffene über Behördenversagen

Der Fall Lügde hat die deutsche Öffentlichkeit fassungslos gemacht. Jugendamt und Polizei haben schwere Fehler begangen, frühe Warnungen ignoriert oder falsch eingeschätzt.

In der Sondersendung "WDR zur Sache" suchte am Donnerstagabend (04.04.2019) eine Runde aus Politikern, Anwälten, Polizisten und Wissenschaftlern nach Antworten. War Lügde ein Sonderfall oder ein Fehler im System? Wie können Behörden Kinder künftig besser schützen?

Für Anwalt Peter Wüller, der vier Lügde-Opfer vertritt, hat der Fall das Vertrauen der Menschen in die Polizei schwer beschädigt. Nicht nur die verschwundenen Datenträger, auch die zunächst unprofessionelle Spurensicherung am Tatort lasse es zweifelhaft erscheinen, dass jemals das ganze Ausmaß des Skandals aufgeklärt werden kann.

Mehr Opfer im Missbrauchsskandal von Lügde

WDR aktuell - Der Tag 04.04.2019 10:12 Min. Verfügbar bis 03.04.2020 WDR 3

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Auch wenn NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) ein "Polizeiversagen" an einigen Stellen bestätigt, betonte er doch, dass es sich um individuelle Fehler einzelner Beamter handelte. "Ich denke, in vielen Polizeibehörden wird man jetzt aufpassen."

Reul wehrte sich gegen den Vorwurf, er habe zu spät auf die offensichtliche Überforderung der Beamten bei der Kreispolizeibehörde Lippe reagiert. "Im Nachhinein kann jeder sagen, da hätte man besser früher eingegriffen."

Kein Beweis für strukturelles Polizeiproblem

Auch Ex-Polizeidirektor Rainer Becker kann im Fall Lügde noch keinen Beweis für ein strukturelles Problem im Polizeiwesen erkennen. Vielmehr seien viele Behörden personell so ausgeblutet, dass Ermittlungsfehler keine Überraschung sein sollten.

Auch werde der Polizei vom Gesetzgeber immer wieder Steine in den Weg gelegt: Weil es zum Beispiel in Deutschland keine Vorratsdatenspeicherung gebe, könnten viele Besitzer und Produzenten von Kinderpornografie niemals ermittelt werden. "Herr Reul hat eine Suppe auszulöffeln, die er nicht selbst eingebrockt hat."

Jugendhilfe "chronisch unterfinanziert"

WDR zur Sache zu den Missbrauchsfällen von Lüdge

Die Sozialwissenschaftlerin Kathinka Beckmann sieht hingegen viel Verbesserungsbedarf im Bereich des Kinderschutzes. Der gesamte Bereich sei chronisch unterfinanziert, die Vernetzung der Jugendämter mit anderen Akteuren der Jugendhilfe funktioniere vielerorts nicht. Es gebe darüber hinaus keine einheitlichen Regeln für die Unterbringung in Pflegefamilien.

Die Tatsache, dass das Jugendamt Hameln-Pyrmont dem mutmaßlichen Haupttäter ein vierjähriges Pflegekind überlassen habe, müsse den Verantwortlichen zu Denken geben. "Kein Kind sollte auf einem Dauercampingplatz untergebracht werden."

Betroffene berichtet von ihrem Leidensweg

Dass schwere Fehler im Bereich der Jugendhilfe kein Einzelfall sind, zeigte sich auch im Bericht einer jungen Frau, die als Kind von ihrem eigenen Vater missbraucht wurde. Zwar hatte sie das Glück, nach der Entdeckung des Missbrauchs in eine Pflegefamilie zu kommen. Das Jugendamt schickte sie jedoch später in ihr Elternhaus zurück - um die Familie nicht zu "zerstören".

Stand: 04.04.2019, 23:00