Exklusiv: Lügde-Sonderermittler über die Polizeipannen

Ingo Wünsch

Exklusiv: Lügde-Sonderermittler über die Polizeipannen

Von Torsten Reschke

  • Schlechte, unstrukturierte Polizeiarbeit
  • Kein roter Faden bei den Ermittlungen
  • Sonderermittler sieht individuelles, aber kein Behördenversagen

Unstrukturierte, schlechte Arbeit ohne Führungsverantwortung - so charakterisiert der Sonderermittler Ingo Wünsch die Versäumnisse der Polizei im Missbrauchsskandal von Lügde. Für die WDR-Sondersendung "Zur Sache" (Donnerstag, 04.04.2019, 20.15 Uhr WDR Fernsehen) hat er sich erstmals vor der Kamera zu den zahlreichen Ermittlungspannen der Polizei geäußert. "Keiner hat den roten Faden in der Hand gehalten", so Wünsch.

„Individuelle Fehler“, aber kein Polizeiversagen

26.02.2019, Herbert Reul, Innenminister von Nordrhein-Westfalen, schlägt die Händer vors Gesicht und wartet auf den Beginn der Sitzung.

Innenminister Herbert Reul (CDU)

Innenminister Herbert Reul (CDU) hatte Ingo Wünsch als Sonderermittler eingesetzt, nachdem bei der Kreispolizei Lippe 155 Datenträger als Beweismaterial verschwunden waren. Wünsch, bisher für die Fachaufsicht der 47 Polizeibehörden im Land zuständig, leitet nun auch die neue Stabsstelle im Innenministerium zur Bekämpfung von Kindesmissbrauch und Kinderpornografie.

Dass der Tatort auf dem Campingplatz fünf Mal durchsucht wurde, hält Wünsch für "kriminalfachlich mangelhaft". Standards seien "eklatant vernachlässigt worden".

Allerdings will Sonderermittler Wünsch nicht vom Versagen der ganzen Behörde in Lippe sprechen. "Das ist kein Behördenversagen, das ist kein Polizeiversagen", so Wünsch im WDR-Interview. Vielmehr habe es "individuelle Fehler" gegeben. Innenminister Reul dagegen sprach noch im Februar von "Polizeiversagen" im Fall Lügde, das ihn "fassungslos" mache. Zuletzt hatte sich Reul bei einer Personalversammlung aber deutlich hinter die Polizei gestellt.

Fall Lügde: Innenminister Reul in der Verantwortung?

WDR 5 Morgenecho - Interview 25.02.2019 06:41 Min. WDR 5

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Was das verschwundene Material für die Opfer bedeutet

Die verschwundenen Beweismittel könnten größeren Einfluss auf den anstehenden Strafprozess haben als bislang bekannt. Innenminister Reul hatte betont, es sei gar nicht sicher, ob der Verlust der Asservate Auswirkungen für den Prozess habe. Der Oberstaatsanwalt hat inzwischen dem Landtag berichtet, diese Informationen sei "durch die Staatsanwaltschaft Detmold weder erfolgt noch bestätigt."

Opposition zweifelt an Aufklärung des Innenministers

Thomas Kutschaty,

Thomas Kutschaty (SPD)

Oppositionsführer Thomas Kutschaty (SPD) warnt vor "ganz dramatischen Auswirkungen." Das Gericht könne sich vermutlich manche Beweisfilme nicht anschauen, sondern müsse die betroffenen Kinder anhören. Auch einige Opferanwälte befürchten dies.

Kutschaty äußert im WDR auch Zweifel, ob der Innenminister die Lage noch im Griff habe. "Scheitert die Aufklärung, scheitert auch der Innenminister in diesem Fall." Die AfD-Fraktion will zum Fall Lügde einen Untersuchungsausschuss beantragen.

Stand: 04.04.2019, 11:40

Kommentare zum Thema

10 Kommentare

  • 10 Emscherhusar 05.04.2019, 20:29 Uhr

    Der Fraktionsvorsitzende der SPD, Kutschaty, und mit ihm der WDR, versuchen mit fadenscheinigen Argumenten den derzeitigen Innenminister Reul im Zusammenhang mit den Mißbrauchskandalen, fertig zu machen. Wer hat denn die NRW Polizei ausgedünnt und kaum für Nachwuchs gesorgt? Das war doch ROTGRÜN. NRW sollte ja kein Polizeistaat werden, war das Motto. Nicht umsonst hat Kutschaty bei der letzten Wahl in seinem Essener Wahlkreis von allen Wahlkreisen mit die meisten SPD Wähler verloren. Die Leute glauben ihm einfach nicht mehr.

  • 9 Rudi Mentär 05.04.2019, 14:24 Uhr

    Das Versagen der Behörden im Fall Lügde ist doch symptomatisch für das an fast alles Stellen sichtbare Staatsversagen seit etwas über 10 Jahren, exemplarisch sei genannt: - Miltär, die Bundeswehr ist nur 'bedingt abwehrbereit', sondern gar nicht. - man schafft es nicht, 1,2 Mio. Flüchtlinge geordnet unterzubringen, zu registrieren und auf rechtmäßigen Auffenthalt zu überprüfen. Der ungleich größere Zustrom nach dem zweiten Weltkrieg oder auch nach Öffnung des Eisernen Vorhangs ging seinerzeit deutlich besser vonstatten. - Bildungsmisere - Innere Sicherheit - Datenschutzpannen - Sicherheitsverwahrung mit Urlaub Usw.

  • 8 Gerlinde Volland 04.04.2019, 23:34 Uhr

    Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus: Jetzt hat der Innenminister klein bei gegeben vor der Lippischen Polizei und Gewerkschaft. Ich habe nie konservativ gewählt, aber die klären Ansagen von Reul waren gut. Wenn er jetzt von der Opposition angegriffen wird, ist das mehr als dreist. Schliesslich haben sich die Strukturen dort unter der Vorgängerregierung gebildet und etabliert.

  • 7 Hans Werner Stille 04.04.2019, 23:34 Uhr

    Liegt doch auf der Hand, dass es von Seiten der zunächst ermittelnden Polizisten aktive Parteinahme für die Täter gibt. Wenn da Beweismittel bei der Polizei unterschlagen werden und verschwinden! Wenn seit Jahren eingegangene Anzeigen gegen die Täter immer wieder niedergeschlagen werden . Da ist doch aktives Partei ergreifen für die Kinderschänder von Seiten der Polizei im Spiel!

  • 6 loewe2019 04.04.2019, 21:09 Uhr

    einfach unvorstellbar, allein schon in dieses verkommene Umfeld ein Pflegekind zu geben, ebenso unvorstellbar, dass alle anderen auf diesem Campingplatz nichts mitbekommen haben wollen, und dass es allein die Überbelastung der Polizei sein soll, dass diese immensen Pannen passieren konnten, das alles kann einfach nicht vermittelt werden. Also, die hier beteiligten Mitarbeiter des Jugendamtes - weg vom jetzigen Arbeitsplatz, bei den Beamten der Polizei ebenso, irgendwelche Tätigkeiten, wo es dann nicht mal des normalen Menschenverstandes bedarf, wird sich sicherlich finden lassen. Und als Wohlfühlort für ihre zukünftigen Urlaube, nun, das sollte für sie dann dieser "" wunderschöne Wohnwagen " an seinem ebenso " wunderschönen Standort " werden.

  • 5 Sozialarbeiter 04.04.2019, 19:26 Uhr

    Die Berichterstattung in diesem Fall geht am einem Umstand vorbei. De fakto sind nicht mehr die Fachleute in den Jugendämtern tonangebend, sondern die Kämmerer. Die meisten Kollegen in den Ämtern, besonders die Leitungen, haben längst die Schere im Kopf. Der Druck ist mehr als erheblich. Wir haben ein brauchbares Gesetz, aber der Kostendruck vehindert die Anwendung. Es geht um die Suche nach der billigsten Maßnahme. Spätestens als der erste Träger der mobilen Hilfe, in Lügde, die Arbeit niedergelegt hat, hätte es Alarm geben müssen. Man sucht aber lieber einen weniger professionellen Träger. Warum wohl? Aus Kostengründen! Hameln ist da überhaupt kein Ausnahmefall. Die Kosten der Jugendhilfe sind erheblich und häufig der zweitgrößte Haushaltsposten. Für die Kämmerer gilt:"Am Ende kommt noch allemal.........". Nein, der Innenminister hat die Sache nicht im Griff. Kann er auch gar nicht. Die Kämmerer haben die Sachen im Griff. Eine Frage noch: Wieviele Jugendamtsleiter sind Fachleute?

    Antworten (1)
    • Matthias 04.04.2019, 23:37 Uhr

      Danke für Deinen Post. Qualitätsverlust in der sozialen Arbeit aufgrund Ausschreibung ist die logische Folge, wenn dies zu 80% über den Preis geht. Alle trditionell angesiedelten Träger, die die nötige Kenntnis und Erfahrung haben, werden dadurch kalt gestellt. Alle Entscheider wissen es. Qualität spielt in unserem Land keine Rolle mehr. Das aber schon seit Herrn Schröder und Agenda 2010.

  • 4 Oskar der freundliche ... 04.04.2019, 18:44 Uhr

    Das Problem ist die Polizei selbst. Es wird intern nicht kommuniziert. Man tauscht sich nicht mehr aus. Es wird zuviel gefiltert. Oben und unten sind galaktisch voneinander entfernt. Oben meint man, Führung ist alles. Dabei weiss Führung nicht was "Unten" passiert. Und "Unten" ist demotiviert, weil "Oben" soweit weg ist. Und wenn der Beamte "Unten" denkt, dass was er schreibt auch "Oben" ankommt, naja.......................

  • 3 Durchblicker 04.04.2019, 16:12 Uhr

    Der für das totale Versagen von Polizei und Jugendamt verantwortliche Landrat Bartels kann wohl von Glück reden, dass er das SPD Parteibuch besitzt. Wäre er ein Mann der Union wäre er wohl mit Sicherheit von den rotgrünen Medien - wobei ich das absolut objektive r. g. Medienkartel von NDR/WDR/SZ ausschließe - schon längst madig gemacht worden und nicht mehr zu halten gewesen. Nun versucht man krampfhaft Minister Reul was ans Zeug zu flicken. Dabei reicht dieser üble Skandal weit in die rotgrüne Regierungszeit hinein in der die Herren Kutschaty (Justiz) und Jäger (Innen) das Sagen hatten, wobei sich letzterer vor allem mit seinem Blitzmarathon befriedigte.

    Antworten (1)
    • Ralf 04.04.2019, 21:40 Uhr

      Parolen von Anno Tobak!

  • 2 BERND 04.04.2019, 16:10 Uhr

    Für mich das Resultat einer Familienfeindlichen Politik wo Kinder keine Eltern mehr haben obwohl sie da sind! Die müssen beide malochen um die unverschämten Mieten der Kapitalisten zu bezahlen und den Strom der ins Ausland verkauft Wirt ! Da bleibt eben keine Zeit für Kinder die uns brauchen die ja unsere Zukunft sind ! Die Regierung und die Kapitalisten sollten sich schämen das es in unserem Land so was gibt....einfach traurig

  • 1 Jupp 04.04.2019, 14:56 Uhr

    passt momentan in die politische Landschaft. Es scheint bei uns so manches den Bach herunter zu gehen... Aber bei der Politik in Berlin, Brüssel und London - kein Wunder!