Lügde-U-Ausschuss: Jugendamtsmitarbeiterin verändert Aussage

Aktenordner mit der Aufschrift Lügde liegen im Gerichtssaal auf einem Tisch

Lügde-U-Ausschuss: Jugendamtsmitarbeiterin verändert Aussage

Von Arne Hell

Das Jugendamt Höxter hat im Fall Lügde offenbar Fehler gemacht. Wann wusste die Führungsebene darüber Bescheid? Eine Abteilungsleiterin hat nach WDR-Informationen ihre Aussage dazu nachträglich verändert.

Die Mitarbeiterin des Jugendamts Höxter wirkte nervös bei ihrer Aussage. Mehrmals sah sie unsicher zu ihrem Rechtsanwalt hinüber. Die Abgeordneten im NRW-Landtag wollten von ihr wissen, wann sie denn davon erfahren habe, dass ihre Abteilung für Kinder zuständig gewesen ist, denen auf dem Campingplatz in Lügde sexuelle Gewalt angetan worden war.

Erinnerungslücken bei Aussage im Untersuchungsausschuss

Die Abteilungsleiterin antwortete dem Untersuchungsausschuss ausweichend. Sie könne sich schlecht erinnern. Möglicherweise sei sie erst im Sommer 2019 informiert worden, sagte sie Montag vor einer Woche. Im Laufe der Sitzung, nach beharrlichem Nachbohren, meinte sie, dass es auch schon ein paar Monate früher gewesen sein könnte.

Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Aktenmanipulation

Nur drei Tage nach der Sitzung hat die Jugendamtsmitarbeiterin aus Höxter ihre Aussage ein weiteres Mal verändert. Nach WDR-Informationen ließ sie den Ausschuss schriftlich wissen, dass sie doch schon am 05.02.2019 informiert worden sei - also nur wenige Tage, nachdem die Ermittler aus Detmold damals den Fall Lügde öffentlich gemacht hatten.

Das ist brisant. Zum einen, weil damit die Frage im Raum steht, ob die Mitarbeiterin im Ausschuss die Unwahrheit gesagt hat. Zum anderen, weil damit klar ist, dass die Führungsebene des Jugendamts informiert war, bevor Akten zu einem der Fälle im Amt verändert wurden. In der Sache ermittelt die Staatsanwaltschaft Paderborn.

Der Anwalt der Mitarbeiterin teilt auf WDR-Anfrage mit, seine Mandantin habe sich erst nach Durchsicht von Unterlagen erinnert. Dies hatte sie auch den Abgeordneten schriftlich mitgeteilt.

Sie sei auf eine selbst zusammengestellte "Handakte" gestoßen, in der sie Informationen zu dem Fall gesammelt habe. Die habe sie bei sich aufbewahrt und nicht mehr in Erinnerung gehabt.

Abgeordnete wollen "Handakte" lesen

"Das erscheint wenig plausibel", sagt Josefine Paul, Abgeordnete der Grünen im NRW-Landtag, "das wirft vor allem die Frage auf, ob es noch weitere Handakten gibt, die dem Untersuchungsausschuss vorenthalten werden".

Der CDU-Abgeordnete Dietmar Panske möchte wissen, was in der Handakte der Abteilungsleiterin drin steht: "Entscheidend ist, ab wann wusste sie von den Fällen und was hat das im Jugendamt Höxter ausgelöst?"

Ausschuss hat auch Landrat und Ex-Landrat geladen

Der Kreis Höxter hat zugesagt, dem Untersuchungsausschuss die aufgetauchte Akte zu schicken. Zuerst müssen allerdings alle Namen der Kinder und ihrer Familien geändert werden.

Das Jugendamt hatte frühzeitig Hinweise auf einen der beiden Haupttäter von Lügde erhalten und war ihnen nicht konsequent nachgegangen. Am 5. und 7. Mai sollen der Landrat aus Höxter, Michael Stickeln, und sein Vorgänger im Ausschuss aussagen.

Fall Lügde: Massive Gedächtnislücken bei Jugendamts-Mitarbeitern

WDR 5 Westblick - aktuell 23.04.2021 05:49 Min. Verfügbar bis 23.04.2022 WDR 5


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Kreis Höxter: Frage nach Konsequenzen stellt sich noch nicht

Aktenmanipulationen hatte es im Zusammenhang mit dem Fall Lügde auch im Jugendamt des Kreises Hameln-Pyrmont in Niedersachsen gegeben. Dort war eine Mitarbeiterin entlassen worden. Der Jugendamtsleiter wurde abgesetzt.

Für den Kreis Höxter stelle sich die Frage nach ähnlichen Maßnahmen im Moment nicht, erklärte eine Sprecherin auf Anfrage. Es müsse erst das Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft abgewartet werden.

Stand: 29.04.2021, 18:00