Missbrauchsfall Lügde: Erinnerungslücken in Höxter

Missbrauchsfall Lügde: Erinnerungslücken in Höxter

Von Arne Hell

Hat das das Jugendamt Höxter im Fall Lügde Fehler gemacht? Der frühere und der aktuelle Leiter können sich im NRW-Landtag an erstaunlich viel nicht mehr erinnern.

Die Hinweise, die das Jugendamt Höxter 2017 zu einem damals 8-jährigen Mädchen bekommen hatte, waren sehr konkret. Der eigene Patenonkel des Kindes versuche, die Kontrolle über das Kind zu übernehmen. Er küsse die Kleine auf den Mund und schlafe mit ihr in einem Bett.

Der Name des Mannes: Mario S., einer der Haupttäter von Lügde, verurteilt zu mehr als zwölf Jahren Haft. Den Hinweisen war das Jugendamt nicht konsequent nachgegangen. Es hatte der Mutter des Mädchens verboten, das Kind weiter auf den Campingplatz zu lassen. Danach wurde die Hilfe für die Familie beendet.

Jugendamtsleiter sehen keine Fehler

Der damalige Leiter des Jugendamts im Kreis Höxter hat am Freitag dazu im Untersuchungsausschuss des NRW-Landtags ausgesagt. Die Fälle des Mädchens und anderer Kinder kenne er gar nicht, erklärte er den Abgeordneten. Er könne sich auch nicht mehr daran erinnern, wann oder ob er von jemandem in der Kreisverwaltung darauf zum ersten Mal angesprochen worden sei. Auch von einer Aufarbeitung im Jugendamt sei ihm nichts bekannt.

Sein Nachfolger als Jugendamtsleiter behauptete ebenfalls, er habe Wissenslücken. Die Akte will er gar nicht richtig gelesen haben. Fehler sehe er nicht bei seinen Mitarbeiterinnen. Allerdings wusste er zu berichten, was sich seitdem im Amt gebessert habe. Zum Beispiel gebe es jetzt neue verpflichtende Formulare, wenn ein Fall einer anderen Sachbearbeiterin übergeben werde.

Landrat wollte Aussage der Mitarbeiter erst einschränken

"Ich bin ehrlich gesagt fassungslos und langsam auch sauer", sagte Andreas Bialas, SPD-Abgeordneter im Ausschuss, "weil dieser Kreis offenbar nicht einmal Willens ist, sich Sachverhalte genau anzuschauen und daraus Lehren zu ziehen". Andere Abgeordnete konnten sich in der Sitzung ein ungläubiges Staunen nicht verkneifen.

Schon vorher hatte es Ärger gegeben. Der Landrat des Kreises Höxter, Michael Stickeln, hatte seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht erlaubt, zu "innerdienstlichen Angelegenheiten" Auskunft zu geben. Der Landrat lenkte erst am Tag vor der Sitzung ein, auf Druck des Ausschussvorsitzenden Martin Börschel (SPD).

Fall Lügde: Massive Gedächtnislücken bei Jugendamts-Mitarbeitern

WDR 5 Westblick - aktuell 23.04.2021 05:49 Min. Verfügbar bis 23.04.2022 WDR 5


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"Sollen Fehler nicht benannt werden?"

Der Kreis erklärte auf WDR-Anfrage, er unterstütze die Aufklärungsarbeit des Untersuchungsausschusses "vollumfänglich". Diesen Eindruck hatte die Grünen-Abgeordnete Verena Schäffer bei den Aussagen der Jugendamtsleiter nicht: "Ich frage mich: Ist das wirklich mangelndes Interesse? Oder sind Fehler gemacht worden, die hier nicht benannt werden sollen?"

Kurz nach Bekanntwerden der Fälle in Lügde, im Februar 2019, waren im Jugendamt Höxter auch Akten verändert worden. Mutmaßlich sollte der Eindruck erweckt werden, dass sich intensiver um das 8-jährige Mädchen gekümmert worden sei, als das tatsächlich der Fall war. Die Staatsanwaltschaft Paderborn ermittelt wegen des Verdachts auf Manipulation gegen eine Mitarbeiterin.

Stand: 23.04.2021, 18:32