Fall Lügde: Unklare Zuständigkeit verlängerte Leiden um zwei Jahre

Ein mit Polizeiband abgesperrter Wohnwagen auf dem Campingplatz Eichwald in Lügde

Fall Lügde: Unklare Zuständigkeit verlängerte Leiden um zwei Jahre

  • Weitere Zeugebefragung im Untersuchungsausschuss zum Fall Lügde
  • Teamleiter des Jugendamtes Blomberg berichtet von ersten Hinweisen
  • Unklare Zuständigkeiten verhinderten ein Eingreifen

Es ist kurz vor Weihnachten 2016. Was die Mitarbeiterin des Jobcenters in Blomberg (Kreis Lippe) dem Jugendamt da über einen arbeitslosen Mann auf dem Campingplatz im benachbarten Lügde berichtet, klingt mehr als besorgniserregend: "Für Süßigkeiten tut die alles", soll dieser Andreas V. über ein kleines Mädchen gesagt haben, das bei ihm wohnt.

Und: "Erst macht sie mich heiß, will kuscheln, und dann doch nicht. Frauen sind komisch." Das Kind selbst soll gesagt haben, es "hasse den Geruch von stinkenden Männern".

"Klarer Hinweis auf möglichen sexuellen Missbrauch"

Beim Jugendamt in Blomberg gehen die Alarmglocken an. "Das war ein klarer Hinweis auf einen möglichen sexuellen Missbrauch", sagte der Teamleiter des Jugendamtes am Freitag (19.06.2020) im Untersuchungsausschuss des Landtags zum Kindesmissbrauch von Lügde.

Aber es gibt ein Problem: Die Akte zu dem fünfjährigen Mädchen wird nicht in Blomberg, sondern im Jugendamt im niedersächsischen Kreis Hameln-Pyrmont geführt. Dort lebt die Mutter des Kindes.

Jugendamt wiegelt ab

Also wird der Hinweis aus Blomberg nach Hameln weitergegeben. Von dort kommt bald die Rückmeldung: Da ist nichts. "Hameln hat uns gesagt, klipp und klar: Es gibt keinen sexuellen Missbrauch", so der Teamleiter aus Blomberg im Untersuchungsauschuss. "Darauf haben wir uns verlassen". Das Jugendamt schreitet nicht ein.

Ein vermutlich folgenschwerer Fehler. Zumal das, was die Frau aus dem Jobcenter berichtet, nicht der erste Hinweis auf die pädophilen Neigungen von Andreas V. waren. Auch eine Anzeige der Jobcenter-Mitarbeiterin bei der Polizei lief damals ins Leere.

Schon im Sommer 2016 hatte der Kinderschutzbund über verdächtige Äußerungen des Mannes vom Campingplatz berichtet. Und im Herbst hatte es sogar einen Vor-Ort-Termin auf dem Campingplatz gegeben, weil Pädagogen über eine "Verwahrlosung" des Mädchens berichtet hatten.

Keine Möglichkeit zum Handeln?

Hätte nicht zumindest die Summe dieser Hinweise zu einem raschen Einschreiten des Jugendamtes führen müssen? Der Teamleiter aus Blomberg sagte am Freitag: Das Jugendamt in Hameln kannte die Familie seit langem. "Wir müssen uns in solchen Fällen auf deren fachliche Einschätzung verlassen. Wir können auch gar nicht anders."

Klar ist aber auch: Laut Gesetz ist bei Fällen von Kindeswohlgefährdung das örtliche Jugendamt zuständig. Und das war in diesem Fall Blomberg beziehungsweise der Kreis Lippe. Doch passiert ist nichts. Die Leidensgeschichte des fünf Jahre alten Pflegekindes auf dem Campingplatz in Lügde ging noch zwei Jahre weiter.

Stand: 19.06.2020, 17:02