Fall Lügde: Hinweise auf Aktenmanipulation im Jugendamt Höxter

Aktenordner mit der Aufschrift Lügde liegen im Gerichtssaal auf einem Tisch

Fall Lügde: Hinweise auf Aktenmanipulation im Jugendamt Höxter

Von Arne Hell

Hat das Jugendamt Höxter eine Akte gefälscht, um im Fall Lügde besser dazustehen? Darauf deutet eine Aussage eine Arztes im Untersuchungsausschuss im NRW-Landtag hin.

Die Meldung an das Jugendamt Höxter kam 2017 von einer Pädogogin: Sie habe den Verdacht, dass ein 8-jähriges Mädchen auf dem Campingplatz in Lügde sexuell missbraucht werden könnte. Von Mario S., dem eigenen Patenonkel. Er übe die Kontrolle über das Kind aus. Er küsse es auf den Mund und lasse es bei sich im Bett schlafen.

Das Mädchen war dem Jugendamt Höxter schon damals lange bekannt. Es schickte zwei Familienhelferinnen regelmäßig vorbei. Der Verdachtsmeldung der Pädagogin ist das Jugendamt trotzdem eher halbherzig nachgegangen. Es begnügte sich damit, dass die Mutter des Mädchens zusagte, den Kontakt zu Mario S. in Zukunft zu verhindern. Keine Meldung an Polizei oder Staatsanwaltschaft.

Notiz nachträglich zur Akte hinzugefügt

Was das Jugendamt damals für sinnvoll hielt: eine Therapie. Dort könne das Mädchen den sexuellen Missbrauch aufarbeiten, falls der Verdacht stimmen sollte. Eine Mitarbeiterin notierte in der Akte: Sie habe mit dem Arzt einer Tagesklinik telefoniert, einem Psychiater. Mit ihm habe sie über den Verdacht und über Mario S. gesprochen.

Allerdings ist diese Notiz der Akte erst nachträglich hinzugefügt worden, und zwar erst, nachdem der Fall Lügde Anfang 2019 öffentlich wurde. Der Psychiater, der das Mädchen damals behandelt hat, hat den Angaben des Jugendamts Höxter jetzt klar widersprochen.

Psychiater widerspricht im U-Ausschuss dem Jugendamt

Im Untersuchungsausschuss des NRW-Landtags sagte der Arzt am Freitag aus, dass er damals überhaupt nicht mit dem Jugendamt über den Fall gesprochen habe. Am Tag des angeblichen Telefonats sei er gar nicht in der Klinik gewesen. Der Auftrag zur Behandlung sei ausschließlich von der Mutter des Mädchens gekommen.

"Das erhärtet den Verdacht, dass das Jugendamt Höxter hier bewusst die Akten manipuliert hat“, sagt der SPD-Abgeordnete Andreas Bialas. Und die Grünen-Abgeordnete Verena Schäffer sieht sich in der Annahme bestätigt, „dass das Jugendamt der Frage des möglichen sexuellen Missbrauchs nicht mehr weiter nachgegangen ist“.

Staatsanwaltschaft Paderborn ermittelt wegen der Aktenmanipulation

Tatsächlich wurden die Hilfen des Jugendamts für die Familie kurz danach beendet. Die Therapie wurde von der Mutter nach wenigen Sitzungen abgebrochen. Mario S. blieb für weitere 14 Monate unbehelligt, bis Anfang 2019. In dieser Zeit hat er weiteren Kindern sexuelle Gewalt angetan.

Wegen der Aktenmanipulation ermittelt die Staatsanwaltschaft Paderborn gegen eine Mitarbeiterin des Jugendamts Höxter. Eine Sprecherin des Landkreises Höxter wollte sich, wegen dieses laufenden Verfahrens wollte sich zu den Vorwürfen nicht äußern.

Die Versäumnisse des Jugendamts im Fall Lügde

WDR 5 Westblick - aktuell 03.02.2021 05:30 Min. Verfügbar bis 03.02.2022 WDR 5


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Stand: 16.04.2021, 16:06