Lügde: Was bedeuten die Polizeipannen für die Kinder?

Zeichnung eines traumatisierten Kindes

Lügde: Was bedeuten die Polizeipannen für die Kinder?

  • Missbrauchsopfer sollten nur von Spezialisten befragt werden
  • Es ist ungewiss, ob das im Fall Lügde geschehen ist
  • Anwälte beklagen handwerkliche Fehler bei den Vernehmungen

Nach den neuerlichen Enthüllungen zum Fall Lügde rückt die Frage nach den minderjährigen Opfern in den Fokus. Was bedeutet das Versagen der Polizei in Lippe für die inzwischen 34 Opfer?

Lügde: Wer kümmert sich um die Opfer?

WDR 5 Morgenecho - Interview 16.03.2019 05:35 Min. WDR 5

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Wie werden Missbrauchsopfer im Idealfall von der Polizei befragt?

Die erste Aussage eines Kindes über einen möglichen Missbrauch ist von entscheidender Bedeutung. Ermittlerinnen oder Ermittler können viele Fehler machen, die die Beweiskraft der Aussage vor Gericht zerstören. Daher sollten nach einhelliger Expertenmeinung nur speziell geschulte Interviewer die Befragung von Minderjährigen in Missbrauchsfällen vornehmen.

Sagt das Kind nicht auf Anhieb genug Belastendes aus, geraten Ermittler häufig unter Erfolgsdruck - weil sie befürchten, ein Täter könnte straflos davonkommen. Dann besteht die die Gefahr, dass suggestive Fragen gestellt werden, die eine erwünschte Antwort vorgeben. Dies könnte ein Gericht als Zeugenbeeinflussung werten. Verstrickt sich das Kind bei späteren Aussagen in Widersprüche, ist die Glaubwürdigkeit der ganzen Aussage angreifbar.

Wurden die Kinder und Jugendlichen im Fall Lügde von geschulten Interviewern befragt?

Diese Frage wird vom Innenministerium nicht beantwortet - unter Verweis auf die laufenden Ermittlungen. Doch es gibt Hinweise darauf, dass auch hier möglicherweise folgenschwere Fehler gemacht wurden.


  • Bei der Kreispolizei Lippe gab es laut Innenministerium zwei geschulte Beamte: eine Frau und einen Mann. Nach Darstellung von Minister Reul war die Beamtin nicht an den Befragungen beteiligt. Ob der männliche Beamte die Befragungen geführt hat, ist unklar. Bis Ende Januar ermittelten bei der Polizei Lippe maximal neun Beamte in der "Ermittlungskommission Camping". Seit die Polizei in Bielefeld die Ermittlungen übernahm, wurden es inzwischen 60 Ermittler.
  • Die Opfer-Anwältin Anke Blume berichtete dem WDR, die Aussage ihrer drei jungen Mandanten sei nicht per Kamera aufgezeichnet worden. Dies aber wird in vielen Fällen gemacht, um den Kindern eine spätere Aussage im Gerichtssaal zu ersparen.
  • Anwalt Roman von Alvensleben beklagt, seine Mandantin solle zum zweiten Mal befragt werden. Beim ersten Mal seien Fehler in der Fragetechnik gemacht worden. Jede erneute Befragung aber bedeutet, dass die Kinder den Missbrauch wieder durchleben.
  • Auch Anwalt Peter Wüller, der vier Opfer vertritt, befürchtet, dass es kein geschultes Personal war, das die Kinder befragt hat - weil gemessen an der hohen Anzahl von Opfern viel zu wenig Befragungsspezialisten beteiligt waren. Genau wisse man dies aber erst, wenn es Akteneinsicht gibt.

Welche Hilfen bekommen die Opfer?

Dagmar Bothe von der Opferhilfe "Weißer Ring" im Kreis Lippe betreut insgesamt zwölf der 34 Opfer und deren Familien. Sie wurde als Ansprechpartnerin von der Polizei vermittelt und hilft: bei der Suche nach Anwälten und Therapeuten, bei der Beantragung von Entschädigungszahlungen, bei allem, was hilft, das Leid zu lindern. Einer Familie, in der drei Mädchen betroffen sind, organisiert sie gerade eine Freizeit. "Die müssen hier jetzt erstmal raus."

Stand: 15.03.2019, 18:20